12/10/2005

Kulturevent Brenner

"KULTUR OHNE GRENZEN"


Vom 30. August bis zum 1. September 2002 stand der Brenner im Zeichen von Kunst, Kultur und Zeitzeugen-Erinnerungen. "Kultur ohne Grenzen" nannte sich die grenzübergreifende Veranstaltung, bei der Künstler, Zeitzeugen und Historiker den Brenner mit seinen Zollhäusern, Polizeistationen und dem Grenzbahnhof haben aufleben lassen. Rund um das Thema Grenze fanden sich Installationen und Aktionen, historische Filmeinspielungen, Führungen und Berichte von Zeitzegen. Großen Zuspruch fand die museale Nutzung der ehemaligen Gebäude von Polizei und Zollwache.

"Kultur ohne Grenzen" wurde organisiert vom Kuratiorium für technische Kulturgüter und der Kunstgruppe "Lurx".

Wenn Sie mehr erfahren wollen, dann steigen Sie ein...

Brennergrenzfahne
"Lebendige Raststätte" kontra Autobahn-Shopping-Center
Was tun mit Grenzübergängen, die ausgedient haben ? Südtirol will die traditionellen Einkaufsstätten der Brennerregion als "Lebendige Raststätte" mit verbesserten Autobahnausfahrten neu beleben. Konkurrenzprojekt in Tirol ist ein neues Autobahn-Shopping-Center am Brenner, das den Investoren ein gutes Geschäft verheißt.


Italiens Fahne, die "Tricolore", flattert wie eh und je im Brenner-Wind. Aber niemand hält mehr an, um die letzten Lire oder Schillinge auszugeben. Die Grenzkontrollen am Brenner wurden im Zuge des Schengen-Abkommens bereits am 31.März 1998 abgeschafft. Mit Einführung des Euro am 1. Jänner 2002 haben die Wechselstuben endgültig dichtgemacht. Ohne Grenze ist der Einkaufsort Brenner nicht mehr, was er einmal war. Die Frage, wie es weitergehen soll, scheidet vorerst noch die Geister.

Walter Baumgartner, Landtagsabgeordneter aus dem Eisacktal und langjähriger Direktor des Südtiroler Kaufleuteverbands, zählt zu den Vätern des Projekts "Lebendige Raststätte". Dieses Novum sollte den traditionellen Einkaufsmöglichkeiten im Ort neue Anziehungskraft verleihen, indem man den Brenner besser an die Autobahn anbindet und als "höchstgelegenen Rastplatz Europas" werbemäßig neu lanciert. Das österreichische Konkurrenzprojekt eines neuen Autobahn-Shopping-Centers würde dem Handelsplatz Brenner hingegen das Wasser abgraben und wird daher in Südtirol vehement abgelehnt.

Die geographische Lage und geschichtliche Ereignisse haben dem Brenner ihren Stempel aufgedrückt. Vielen Millionen Menschen ist dieser alpine Transitschauplatz mit Bahn, Straße und Autobahn auf 1372 Meter Seehöhe ein Begriff. Die politische Schmerzgrenze von 1918, als Südtirol zu Italien geschlagen wurde, hat bis heute emotionale Brisanz. Im Ortsbild ist die bewegte Geschichte noch nachvollziehbar.

Ist es nur natürlich, ausgediente und noch dazu historisch belastete Grenzübergänge mit dem Bagger von der Landkarte zu löschen? Oder sollte man mit besonders markanten Grenzorten bei Neunutzungsprojekten sensibler umgehen, als dies bei Grenzstillegungen und - schleifungen bisher der Fall war? Auch mit Blick auf die anstehende Osterweiterung stellt sich die Frage nach der Identität von Grenzorten, die als Zeitzeugnisse und Orte der Erinnerung gelten können.

Museumsideen

Innovative Museums-Ideen am Nord-Süd-Schnittpunkt Brenner


Das Interreg-III-Projekt einer Technik-Kulturmeile Nord-Süd unter Nutzung der Fahrradwege nimmt mit einem in der Sachsenklemme geplanten Schau-E-Werks-Projekt erste konkrete Formen an. Ein weiteres Europaprojekt hat sich die Schaffung eines "Musealen Ortes" im ehemaligen österreichischen Zollhaus vorgenommen.


Heinrich Schwazer, Kulturpublizist und Chefredakteur der "Neuen Südtiroler Tageszeitung" getraute sich laut zu träumen: Das derzeit in Bozen obdachlos gewordene Südtiroler Landesmuseum für Moderne Kunst könnte sich wohl keinen besseren Standort wünschen als den Brenner mit jeder Menge freier Kubatur in geradezu idealer Verkehrslage am Schnittpunkt Österreich/Italien/Südtirol?!
Südtirols Kultur-Landesrat Bruno Hosp gehört einer Generation an, die die Brennergrenze noch in aller Härte erlebt hat. Um so größere Bedeutung misst er grenzüberschreitenden Europaprojekten zu. Aktuell sind Pläne zur Schaffung eines "Musealen Ortes", nachdem die Gemeinde Gries das ehemalige österreichische Zollhaus vor einem Umbau zu Garagen gerettet hat. Das Museumsprojekt nach dem Motto "Tirol und Südtirol unter einem Dach" wurde bisher vor allem von österreichischer Seite betrieben. Das innovative Konzept stammt vom Südtiroler Künstler Peter Kaser in Zusammenarbeit mit Arch. Carla Schorn.
Franzensfeste macht den Anfang, freute sich Bürgermeister Johann Wild über das Projekt eines Schau-E-Werks am künftigen Fahrradweg in der Sachsenklemme. Studenten der Akademie für Design Bozen (ADB) sowie der Bozner Oberschule für Geometer hatten mit ihren Lehrern entworfen, geplant und das Gelände vermessen. Zum Schau-E-Werk umgestaltet würde das historische Kleinkraftwerk des Hotels Sachsenklemme, das andernfalls abgebrochen werden müsste, weil es durch ein neues E-Werk ersetzt wurde. Die Brixner Stadtwerke leisteten Anschubhilfe. Das Schülerprojekt wurde von Ing. Fritz Starke professionell betreut und zur technischen Ausführungsreife gebracht. Die Baugenehmigung ist bereits erteilt.
Der Südtiroler Landesrat für Natur und Umwelt, Raumordnung, Wasser und Energie Michl Laimer hatte als erster Politiker an der Spitze dieses größten technischen Ressorts der Südtiroler Landesverwaltung den Brückenschlag zur Kultur gewagt. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit konnte Landesrat Laimer am Brenner präsentieren: ein Interreg-III-Projekt des Kuratoriums für Technische Kulturgüter zur Schaffung einer Technik-Kulturmeile Nord Süd unter Nutzung des grenzüberschreitenden Südtiroler Fahrradwegenetzes. Projektpartner in Tirol ist Landesrat Ferdinand Eberle. Wissenschaftlich betreut und umgesetzt wird das Projekt in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck unter Leitung des Industriearcheologen Prof. Christoph Bertsch .
Mit besten Wünschen im Namen des italienischen Kultur-Landesrates Luigi Cigolla begrüßte dessen Vertreter Aldo Boninsegna, (Amt für Italienische Kultur) die Zielsetzungen dieser grenzüberschreitenden Veranstaltung am Brenner.

Zur Geschichte des Brenner konnten interessante italienische Wochenschauaufnahmen gezeigt werden. Wir danken für die Unterstützung durch das italienische Kulturassessorat und durch das Centro Audiovisivi im Trevi-Zentrum, Bozen. Die Südtirol betreffenden historischen Wochenschaubeiträge können dort von jedermann eingesehen werden.

Kunstevents

KUNSTEVENTS


Das Thema Grenze wurde beim Brenner-Event vom 30.08. bis 01.09.2002 von einer internationalen Künstlerschar aufgegriffen. Den Installationen und Aktionen lagen die verschiedensten Assoziationen mit dem Begriff Grenze zu Grunde: von Rauch-Fahnen, die zum Himmel stinken, über Schießscharten bis zur Schubhaft.

fAHNENFLUCHt = Fahnentext / Textfahnen
In seiner Installation mit dem Namen "Der Stoff, aus dem die Fahnen sind" zeigte Matthias Schönweger aus Meran zum Auftakt der Veranstaltung, dass Grenzverschiebungen weitere Grenzverschiebungen bewirken und damit Kriege zur Folge haben. Zu diesem Zweck hatte er sich das Areal im unmittelbaren Blickfeld der italienischen Grenzerkabine ausgewählt. ´

 "Während die zahlreich eingetroffenen Politiker am Brenner zwischen bröckelnden Fassaden noch über die Segnungen der aufgehobenen Schlagbäume und ihre eigene Schmugglervergangenheit schwadronierten, laborierte ein paar Meter weiter der Meraner Künstler Matthias Schönweger schon eifrig an der Demontage der Sonntagsreden. Im Schatten des "Fungo" (italienische Grenzabfertigung) leerte er seinen Rucksack mit Tirolensien, Peitschen und einem Haufen Kriegsspielzeug aus Plastik aus.
Rund um seinen Russenflohmarkt baute er kleine Elektrokocher auf, legte sich einen Messmantel um und segnete seine Soldaten mit reichlich Weihrauch. Danach verheizte er sie buchstäblich und unter grauenhaftem Gestank und ebenso süßen Heimatklängen von einem 60er-Jahre-Grammophon auf den heißen Herdplatte."
........................Heinrich Schwarzer, Kulturpublizist


..während der Aktion
Schubhaft
"Im August 2000 bat mich die Arge-Schubhaft das Thema Schubhaft und das Anliegen der Menschen in Schubhaft künstlerisch zu thematisieren. Damit begann für mich eine intensive Zusammenarbeit mit der Arge-Schubhaft und den Menschen, die ich in der Schubhaft im Polizei-Gefangenenhaus Innsbruck besuchte. Seit dem 6. September 2001 besetze ich für Menschen in Schubhaft öffentliche Orte des Staates und installiere meine mobilen Transporter: Zelte, Plakate und ein Wohnmobil. Diese erkläre ich zu Schutzräumen vor Verfolgung, Vertreibung, Vergewaltigung, Ermordung, Haft, Zensur, Verschleppung, Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Ausweglosigkeit. Es sind flexible Schutzräume, die subversiv immer und überall einsatzbereit sind. Sie schleuse ich u.a. in "Niemandsländer" ein, in sogenannte Schnittstellen, die zwischen den Grenzen unterschiedlicher Systeme liegen. Diese bewusst gesetzten und erklärten Freiräume stehen den Gefängniszellen der Institutionen gegenüber." ... so der Künstler Franz Wassermann zu seinem Werk.
Der Brenner als Staatsgrenze zwischen Italien und Österreich bildet eine solche Schnittstelle.
Im ehemaligen italienischen Zollhaus mit Blick auf das österreichische - beide Häuser sind seit der Absetzung der Grenzkontrollen innerhalb der europäischen Union zwar ohne Funktion, wohl aber gebaute Zeugen der wechselvollen Geschichte des Grenzortes - verkehrte Franz Wassermann innen und außen, schaffte symbolisch in den vormaligen Büros einen Schutzraum für Schubhäftlinge und setzte die Zollbeamten "an die Luft".
Für einige Tage wurden drei Schreibtische und weitere Fundstücke aus den Büroräumlichkeiten nach draußen gestellt und im Schutz des Hauses wurde eine Zeltstadt aus gebrauchten LKW-Planen errichtet. Dieses Material erinnerte an die Art und Weise wie Schubhäftlinge ins Land kommen. Eine Ironie der Realität war der Schriftzug "Willkommen im Olympia-Schigebiet", den Wassermann auf einer der ihm zur Verfügung gestellten Planen vorfand.

Aus Ghettoplastern dröhnten überlaut Interviews mit Betroffenen. Menschen, die in Schubhaft genommen werden, haben nichts verbrochen. Sie werden in ihrer Heimat politisch oder ihrer Religion wegen verfolgt oder haben aus einer wirtschaftlichen Katastrophe heraus ihr Land verlassen müssen. Ist man sich dieser Situation bewusst, erscheinen die Begriffe "Ehre", "Freiheit" und "Vaterland", die der Künstler auf den drei Schreibtischen im Freien angebracht hatte, provokant.

Schubhäftlinge haben das alles verloren. Zudem standen und stehen diese Wörter als Motto für kriegerische Auseinandersetzungen. Wassermann hatte diese drei "Slogans" von einem Denkmal vor der Universität Innsbruck abfotografiert.
Detailinformationen über das gesamte Projekt Schubhaft finden Sie unter http://www.mylivingroom.org
GRENZENLOS
Der in München lebende Ekkeland Götze führte mit seinem Werk "Grenzenlos" den Norden und den Süden zusammen. "Grenzenlos" ist Teil eines Terragrafie-Projekts, für das der Künstler Erde von verschiedenen Orten der Welt in einem grafischen Verfahren unter immer gleichen technischen Bedingungen auf Papier druckt - Götze will so ein vollständiges Abbild der Erde schaffen.

...was bleibt ist die Erinnerung

 In der Grenzerkabine ("fungo") baute der Münchner Valentin Goderbauer seine Installation "was bleibt, ist die Erinnerung" auf. Für ihn war der Brenner auch in Zeiten, an denen dort noch Passkontrollen stattfanden, keine "richtige" Grenze, sondern eher eine Klimascheide, und zwar nicht nur im meteorologischen Sinn. In seiner Installation stellte Goderbauer Material zusammen, das im und um den "fungo" liegen geblieben ist: u.a. EURO-Kellen, gusseiserne Heizkörper in Schwarz-rot-gold und Badetücher in Grün-weiß-rot.

Er selbst zu seiner Installation
"Der Brenner war und ist ja für einen Deutschen, der in der Nähe von München lebt, der Grenzübergang schlechthin nach Italien. Nur habe ich ihn nie richtig als Grenze empfunden, wie zum Beispiel Kehl / Strassburg oder Grenzübertritte am Flughafen. Es fehlen irgendwie deutliche Eigenschaften. Kein breiter Fluss oder ein dicker Streifen Niemandsland mit Grenztürmen, keine plötzliche Änderung der Sprache... Für mich war und ist der Brenner eben mehr ein Tor zum Süden, zum Kurzurlaub in ein freundlicheres Klima und anders herum wieder der Übergang nach Hause, wo der Sommer dann auch schon zu Ende ist. Und tatsächlich hat es immer geregnet und war ein paar Grad kälter, wenn man den Brenner passiert hat und durch Österreich "geflogen" ist. So ist dieser Grenzübergang vom Gefühl her ein deutsch / italienischer. Wie gesagt, vom Gefühl her. In Österreich wird keine Pause gemacht, erst zum Café in Italien wird angehalten, wenn der Geschmack und das "Klima" stimmen. Daher verstehe ich den Brennerpass eher als Klimascheide (nicht nur meteorologisch), denn als Staatsgrenze".

Zu Valentin Goderbauers ironischer Installation im "Fungo" - wie die italienische Grenzerkabine mit ihrer weit auskragenden Überdachung im Volksmund genannt wird - schrieb Heinrich Schwazer in der "Neuen Südtiroler Tageszeitung":

"Er zeigte im "Fungo" eine Erinnerungsarbeit aus Heizradiatoren in den deutschen Nationalfarben und grünweißroten Badetüchern, die unterm Dach zum Trocknen ausgehängt waren. Botschaft: Österreich gab es in der bundesdeutschen Touristenperspektive nicht und am Brenner beginnt der Strand..."

LURX, "SADOBRE" UND "SCALINI 84 STUFEN"
Künstler, die selbst in der Brennerregion leben, zeigten ihre Werke in einer Gemeinschaftsausstellung des Vereins LURX.

Der in Berlin lebende Südtiroler Toni Bernhart stellte eine akustische Performance mit dem Titel "Sadobre" vor. Ein Live-Teil und vorproduzierte Einspielungen flossen bei der Veranstaltung zusammen, um die "ortsspezifische Atmosphäre" des Brenner zu vermitteln.

Unweit des Grenzübergangs wurde von Peter Kaser und Hans Winkler der Kunstort "scalini 84 stufen" angelegt. Die beiden haben einen Wasserfall und eine ehemalige Bunkeranlage, deren Schießscharten auf den Brenner zielen, in ihr Projekt eingebaut, zu dem der Südtiroler Krimi-Autor Kurt Lanthaler seine literarische Installation 2001 beitrug.

Programm


und was es sonst noch gab...


Grenz/Erfahrungen, eine filmische Zeitreise führten die Geschichte des Grenzüberganges in Filmdokumenten vor, darunter historische Wochenschauaufnahmen vom Treffen Hitler-Mussolini am 18. März 1940. Projiziert wurde auf die Fassade der italienischen Polizeikaserne.

Alltagsgeschichte, Grenzer erinnern sich
Ehemalige italienische und österreichische Zollbeamte, Grenzpolizisten und Eisenbahner erzählten von ihrem Dienst am Brenner. Das verlassene italienische Zollhaus bot ein eindrucksvolles Ambiente für diese Zeitzeugenberichte.

Wie sich der Alltag am Grenzbahnhof abspielte, führte der italienische Eisenbahner-Freizeitverein bei einem Schnuppertag vor. Außerdem konnten die Besucher den am Brenner immer noch obligaten Lokwechsel miterleben.

Musik
Ein Open Air an der ehemaligen Staatsgrenze bildete am Freitag, 30. August, den Auftakt zum Brenner-Event. Live-Musik, Unterhaltung und künstlerische Einlagen wurden von der Sterzinger Gruppe Juvenilia geboten.
Tags darauf luden Alex Trebo und Bruno Zucchermaglio zu einem Musikprojekt ein, das ebenfalls um das Thema Grenze kreiste.

"Brennerwürstel" und "pasta e fasoi"
Der Halt beim Würstelstand ist für Brenner-Liebhaber genauso selbstverständlich wie ein Teller pasta und ein Glas Wein, bevor die Reise weitergeht. Die Wirte und Kaufleute vom Brenner servierten ihre Spezialitäten zum Selbstkostenpreis. Organisiert wurde dieses ganztägige Büffet vom italienischen Alpenverein CAI.

Führung auf den Spuren des historischen Brenner-Tourismus
Die Veranstaltung endete am Sonntag, 1. September, mit einer Tour auf den Spuren des historischen Panorama- und Badetourismus am Brenner. Die Ausblicke dieses "Tores zum Süden" erlebte man entlang der inzwischen stillgelegten Eisenbahnstrecke von anno 1867. Der Lokalhistoriker Günther Ennemoser leitete diese Führung mit abschließendem Besuch von typischen Brenner-Gasthäusern im Hinterland der Grenze.

Kino am Brenner

Polizeikaserne als Kinoleinwand


Am Samstag, den 31. August 2002, wurden auf eine Wand der ehemaligen Polizeikaserne Fernsehberichte und Wochenschaubeiträge projiziert. Dadurch wurde die Geschichte des Ortes filmisch wiederbelebt und von den Anwesenden diskutiert.

Die Moderation teilten sich Elisabeth Baumgartner, ORF- Moderator Joseph Kuderna und Paolo Mazzucato, Programmchef der RAI.


Karolina Bruno, langjährige Dolmetscherin der italienischen Finanzpolizei, schilderte einen ihrer "kältesten" Einsätze: vom Silvesterball hatte man sie im Abendkleid zum Dienst auf die Strasse geholt.

Martin Kaufmann, Filmclub Bozen, und Helmut Grossup, Cinematograph Innsbruck, erzählten vom "Kultur-Schmuggel": wegen unzureichender gesetzlicher Voraussetzungen konnten deutschsprachige Filme in Südtirol lange Zeit nur gezeigt werden, indem die Spulen heimlich über den Brenner gebracht wurden.

Landeshauptmann Luis Durnwalder - am Mikrophon von Elisabeth Baumgartner - hatte mit heiteren Enthüllungen zu selbsterlebten kleinen Schmuggelaffären die Lacher auf seiner Seite. Von links nach rechts: Ferdinand Plattner, langjähriger Gemeindearbeiter am Brenner; Bürgermeister Christian Egartner; Rudi Plank, Präsident des Eisenbahner-Freizeitvereins und langjähriger Gemeinderat; Josef Pitterl, ehemaliger österreichischer Zollbeamter und ORF-Moderator Josef Kuderna.

Zollhauser und Grenzareale

Zollhäuser und Grenzareale werden zur Kulturmeile


Eine Ausstellung der Gruppe "Lurx", Musik, Literatur und Zeitzeugen-Erinnerungen teilten sich den Grenzübergang Brennerstaatsstraße einen Tag lang mit den Autofahrern. Die Polizei erteilte Weisung, im Schrittempo zu fahren.

Eine von Alex Trebo intonierte Klangwolke schwebte über dem Grenzareal an der Brennerstaatsstraße. Bruno Zucchermaglio bestritt den textlichen Teil dieses Musikprojekts, zu dem die Gruppe Lurx geladen hatte. Entlang des Sicherheitsstreifens in der Straßenmitte waren Zuhörerbänke aufgestellt - ein ganz ungewohntes Bild !
Kultur-Landesrat Bruno Hosp und Frau Inga in Begleitung von Bürgermeister Christian Egartner vor der Arbeit "Grenzen-lous´n" des Künstlerduos "Kraxentrouga Artbrothers", alias Armin Mutschlechner und Luis Seiwald. Der dialektale Titel ihrer Fotomontage ist ein Wortspiel: Mit dem Kopf auf den Geleisen versuchten die Künstler die vielgepriesene Grenzenlosigkeit zu erlauschen. Das ernüchternde Ergebnis der Künstler-Lauschaktion lautete - so Heinrich Schwazer: "....dass auch am Brenner trotz aufgehobener Schlagbäume ein real existierendes Grenz-Gefühl überlebt hat".

No-Future-Stimmung in einer alpenländischen Groteske fand sich in diesem Gemälde von Damir Luksic, während Karl Volgger in seiner Struktur aus Papier auf Eisen die Geometrie der Leere des Bürotrakts im ehemaligen italienischen Zollhaus auf den Punkt brachte.
Der Südtiroler Peter Kaser, heute in Gossensass zuhause, ist zugleich Gründungspräsident der Gruppe Lurx und künstlerischer Entdecker des Brenner. Mit seinen Künstlerprojekten am Brenner hat Peter Kaser bis nach Berlin aufhorchen lassen, wo er lange als Filmausstatter und freischaffender Künstler gearbeitet und gelebt hat. Jüngstes und aufwendigstes Kaser-Projekt am Brenner ist der "Kunstort mit Wasserfall und Bunkeranlage" sowie mit einer literarischen Installation von Kurt Lanthaler.

Am Bahnhof

Grenzbahnhof Brenner, Treffpunkt für Eisenbahnfreaks und Familientipp


Die Einladung des Eisenbahnerfreizeitvereins / Dopolavoro ferroviario zum "Schnuppertag" wurde ein voller Erfolg. Präsident Rudi Plank verstand es, Geschichts- und Eisenbahninteressierte ebenso zu fesseln wie die Kinder, die einmal einen Lokwechsel oder die Fahrt einer Verschublok miterleben durften.

Von der Verschublok sind die Buben und ihre Väter gleichermaßen angetan. Rudi Plank weiß, wovon er spricht - er hatte selbst jahrzehntelang am Brenner als Eisenbahner und Fahrdienstleiter gearbeitet. Unter den Zuhörern ist der Vater von zwei Kindern und Chefredakteur des Wochenmagazins FF Hans Karl Peterlini, der als Eisenbahnerkind an den Brenner persönliche Erinnerungen hat, und Hans Schmieder mit Frau Germana aus Innichen, wo ebenfalls kulturelle Nutzungsvorschläge für den Grenzbahnhof zur Diskussion stehen.

Besuch im Stellwerks-Turm am Brenner, hier fühlt man sich wie die Fluglotsen am Tower. Dieses Zwei-Mann-Team regelt den gesamten grenzüberschreitenden Bahnverkehr. Wer hier am Schalthebel sitzt, muß deutsch und italienisch, aber auch die Bahnverkehrs-Reglements beider Länder gleich gut beherrschen.

Schilderung von einem Teilnehmer (Mag. Sepp Baumann):
Unter dem Motto "Eisenbahner laden zum Schnuppertag" stand die vom Präsidenten des Eisenbahner-Freizeitvereins/Dopolavoro ferroviario organisierte und geführte Begehung und Begegnung mit dem Bahnhof Brenner.

Treffpunkt war um 15.00 Uhr am Gleis 7 des Bahnhofes, bei dem sich mehr als 30 interessierte Personen einfanden. Beim Publikum handelte es sich um Kinder, Frauen, Männer, Südtiroler, Südtirolerinnen, Nordtiroler, Nordtirolerinnen, Italiener, Italienerinnen. Das allein bezeugte schon das grosse Interesse an dieser Führung und Begegnung mit diesem historischen Ort.

Rudi Plank erzählte in seiner unnachahmlichen Art von der Geschichte des Bahnhofes, von den Alltagssorgen der dort beschäftigten Menschen im Zeitablauf, vom Wandel in der Bedeutung des Bahnhofes, von den Wetterkapriolen, vom Beschäftigungsrückgang der Bediensteten, von der Automatisierung, von den Weichenschauflern, von den Toten während des 2. Weltkrieges, von der ständigen Bedrohung des Bahnhofes durch eine mögliche Hangrutschung und den dafür vorgesehenen Sicherheitsmassnahmen, von den Notwendigkeiten der Lokwechsel, von der Zusammenarbeit zwischen FS und ÖBB, vom Leben miteinander, von der Erfordernis von Passierscheinen, von den gemeinsam organisierten Festen und Feiern, von der Härte der Arbeit, vom Südföhn, von den Schneehöhen einst und jetzt, vom Zusammenhalt untereinander, vom Arbeiten und Leben auf dem Brenner usw. Man hätte Rudi Plank noch stundenlang zuhören können.

Nach der Besichtigung des Stellwerkes mit den dort installierten technischen Einrichtungen und der damit verbundenen Möglichkeit, den Brenner sozusagen auch von "oben" als Ganzes zu betrachten, fand der Höhepunkt des Schnuppertages statt. Es wurde die wirklich einmalige Möglichkeit geboten, auf einer Verschublokomotive mitzufahren und dabei Begriffe wie "abstossen", und "verschieben" unmittelbar kennenzulernen. Die Fahrten fanden dabei sowohl auf österreichischem sowie italienischem Hoheitsgebiet statt. Ein für alle Beteiligten grossartiges Erlebnis, das ewig in Erinnerung bleiben wird.

Zeitzeugen berichten

Wie man am Brenner lebte


konnte man bei einer Diskussion mit Zeitzeugen, die von Paolo Mazzucato und Elisabeth Baumgartner geführt wurde, erfahren.
Die Teilnehmer waren Primo Sieff, ein gebürtiger Trentiner, der den Brenner als Bub noch zu Zeiten des Mussolini-Regimes erlebt hatte; Karoline Bruno, die bei der Finanzpolizei als Übersetzerin tätig war und einige Anekdoten erzählen konnte; der langjährige österreichische Zöllner Josef Pitterl der einst auf die Pirsch gegangen war, um trickreichen Wein- und Lederjackenschmugglern das Handwerk zu legen; der Gemeindearbeiter Ferdinand Plattner, der Lokalhistoriker und Brenner-Experte Günther Ennemoser sowie Daniel Steckholzer, der als langjähriger Angestellter des italienischen Automobil-Clubs ACI weiß, welche "Goldgrube" der Brenner für Italien war.


Vor der Diskussion fand eine Führung durch den Wohntrakt des italienischen Zollhauses statt, welche gut besucht war.
Das Gebäude, 1933 erbaut, war immer schwer zu beheizen gewesen, erinnerte sich der Gemeindearbeiter. Und so mancher, der aus dem Süden Italiens an die nördliche Grenze versetzt worden war, litt unter Heimweh und unter dem rauen Klima.
Nur noch ein Schaff im Bad und ein paar Teller in der Küche erinnern an die einstigen Bewohner.

Zeitzeugeninterview vom 23.08.02:

Interviews mit Karoline Bruno, Rudi Plank, Ferdinand Plattner und Daniel Steckholzer
Karoline Bruno:
.. im Zusammenhang mit dem Brenner interessiert mein persönliches Leben überhaupt niemanden. Ich bin Kärntnerin und vor 40 Jahren hier hergekommen, 50 werden das bald.
Ich habe es leichter gehabt mit der Problematik der Grenze, weil ich selbst aus einem zweisprachigen Gebiet komme. Ich komme zwar aus Klagenfurt, aber dieses ganze Schlamassel mit der Zweisprachigkeit habe ich schon früh mitbekommen. Da war ich zwar noch sehr jung, habe es aber von Eltern und Grosseltern durch Erzählungen mitbekommen.

...1965 bin ich zum Brenner gekommen, vorher war ich italienweit unterwegs. Übersiedelt nach Italien bin ich in den 57er Jahren, ab 53 habe ich teilweise in Italien gearbeitet und weiters in Deutschland.
Meine Aufgabe ist die des Dolmetschers; in dieser Qualität bin ich auch am Brenner gelandet und habe da am Brenner gearbeitet.

..Ich habe in schon sehr jungen Jahren die Ausbildung gemacht, musste allerdings wie ich nach Südtirol gekommen bin, meine Matura nachholen, die wurde ja nicht anerkannt in Italien für den Staatsdienst, in den ich eingetreten bin.
Sehr wohl für die Südtiroler, die in Innsbruck studierten, das war schon dazumal dieses Paket, wodurch die Anerkennung gestattet wurde, nicht aber von anderen österreichischen Bundesländern. Also wer in Wien oder Graz studierte, musste die Prüfungen nachmachen.

..Ich hab nicht das Dolmetschinstitut gemacht, ich hab die Oberstufe gemacht und in der Schulzzeit schon Englisch, Französisch, Italienisch gelernt und dann mich weiter ausgebildet, aber nicht das Dolmetschinstitut.

..Ich habe nach Italien geheiratet, bin dann zunächst in Rom gewesen, dann in Italien gelandet und dort hat es dann eine Stellenausschreibung für Dolmetscher gegeben. Daran habe ich teilgenommen und habe diesen Wettbewerb gewonnen und bin dann von Meran an den Brenner versetzt worden.

..Richtig, mein Mann hat die Versetzung nach mir bekommen. Wir sind nicht gerne von Meran an den Brenner. Ich kann mich noch gut erinnern: Es war April, in Meran war blühender Frühling. Ich war mit einem leichten Tailleur bekleidet, natürlich dazumal mit hohen Stöckelschuhen, bin am Brenner angekommen, ausgestiegen und der Schnee ging mir bis zu den Knien. Daraufhin bin ich nach Meran zurück und hab gesagt: „An den Brenner kriegts ihr mich nie!“
..Und dann bin ich doch am Brenner gelandet und hier geblieben, nun schon seit 37 Jahren. (seit 1965) Aber es ist ein Zeichen dafür, dass man so schlecht am Brenner nicht lebt, wie man es immer wieder unterstreicht.

..Ich habe am Brenner oberhalb der Bank gewohnt, zwei-, dreimal habe ich den Wohnort geändert. Das sind auch heute noch Sozialwohnungen. Private Wohnungen gibt es am Brenner keine. Die der Geschäftsleute halt, aber kaum privater Wohnungsmarkt. Alles Eisenbahner und Sozialwohnbauten.

..An und für sich lebte ich mich überall rasch ein. Ich hab nie Heimweh und lebe mich überall rasch ein. Das ist kein Problem für mich. Ich habe damals in der Finanzkaserne gelebt und gearbeitet – der Kontakt war hauptsächlich mit diesen Leuten. Das waren hunderte junge Leute. Mit der Bevölkerung hatte ich Kontakt durch meine beiden Kinder, die dazumal in die Schule gingen. Da kriegt man rasch Kontakt mit anderen Eltern.

..Die Finanzkaserne war die, wo jetzt die Polizei drin ist, die im Süden. Das war noch das alte Gebäude, das scheinbar 1819 gebaut worden ist, wenn ich mich richtig entsinne. Dazu hätte ich sogar einen Bildband, wo ein paar Aufzeichnungen drinnen sind, den könnte ich ihnen mitbringen, damit sie ihn durchsehen.

..Ich glaube 1986 ist die alte Kaserne abgerissen worden. Mitte der 80er Jahre. Wenn ich mich nicht täusche, dann 1982…


..Mein Mann war auch Finanzbeamter. Mein älterer Sohn war nach dem Militärdienst Zollbeamter und der Jüngere ist bei der Polizei.
Ja, der Ältere hat in auf der Autobahn gearbeitet. Der Jüngere war zuerst bei der Polizei, hat dort seinen Militärdienst absolviert und ist dann ins ACI – Büro.

….Ich glaube der Steckholzer David war der, der am längsten beim ACI gearbeitet hat. Wann hat die Autobahn aufgemacht? Ich glaube 1972…

Ferdinand Plattner ..Ich bin Gemeindearbeiter gewesen fast 30 Jahre da am Brenner. Meine tägliche Arbeit war die Straßenreinigung, der ganze Verkehr ging ja über den Brenner, hauptsächlich mit LKWs.
1968, am 01. April, habe ich angefangen zu arbeiten. Die LKWS sind auf der Staatsstraße über den Brenner gefahren. Nachts war das richtig störend, weil im Dorf drinnen bei der Kontrolle die „Finanzer“ alles registrieren mussten, ob die Ware verzollt ist oder nicht.

..Weil die Straße eine leichte Steigung hat, sind wir in der Nacht vom starken Motorenlärm immer aufgewacht. Das war sehr belastend. Ich habe 200 Meter weiter dahinten gewohnt, dort wo die Gemeinde ist, neben der Kirche.



DER VERKEHR
Karoline Bruno:
..Wir haben immer in einer blauen Wolke gelebt, das war sogar innen in den Häusern. Man konnte die Fenster nicht einmal öffnen, denn die Fahrzeuge, die Schwerfahrzeuge, sind oft stunden- und tagelang am Brenner gestanden. Sie mussten durch die tiefe Temperatur auch immer den Motor laufen lassen und das hat zu einer totalen Luftverpestung geführt. Das war dazumal schlimmer als heute mit der Autobahn, obwohl der Verkehr um das Zehnfache angestiegen ist.

Ferdinand Plattner:
..Die Motoren mussten durchaus arbeiten und verursachten dadurch ständig diese Auspuffgase. Trotz der leichten Luftbewegung, die es am Brenner immer gibt, war die Ortschaft in eine Abgaswolke eingehüllt.

..Ich habe 10 Meter neben der Strasse gewohnt und es gab hier ganz einfache Fensterverglasungen, sie waren noch näher. Da hat niemand protestiert, es war selbstverständlich. Man hat einen neuen Parkplatz geschaffen und eine große Beleuchtung drin: „Ah wunderbar, wie das gut beleuchtet ist jetzt!“
Niemand dachte daran, dass er immer mehr wächst und immer stärker und größer wird. (Anm.: der Verkehr)

..Eine (Anm.: große) Arbeit war auch die Reinigung in der Ortschaft. Jeden Tag auf der Strasse reinigen und hauptsächlich in dem LKW-Parkplatz. Da hat man alles gefunden und zusammenräumen müssen, dass es etwas sauber ist. Das war viel vom Arbeitstag, der nur bei der Reinigung draufgegangen ist und auch viel Geld.

..Die (Anm.: Lkw-Fahrer) mussten in ihren Kabinen drinnen schlafen, weil es zuviel kostete in einem Gasthaus. Jeder hat gehofft, dass die Zollabfertigung schnell ginge und trotzdem haben sie sehr viele Stunden lang oder halbe Tage und länger gewartet, bis sie weiterfahren konnten.

..(Anm.: der Stau )Das kann sein. Als noch der Schelleberg funktioniert hat …das war ein Riesenproblem. Im Winter haben die LKWs es nicht geschafft und dann hat eine Firma mit ihren Lkws, die beladen waren und Ketten hatten, den Abschleppdienst geleistet und haben die LKWS über die Steigung heraufbefördert und dasselbe auf der österreichischen Seite und sicher sind da zum Teil auch Staus entstanden, wenn da einer wieder quer stand und nicht weiterkam, dann dauerte das eine Zeitlang bis der wieder an Ort und Stelle sicher stand…

..Damals gab es noch einen Markt in der Ortschaft Brenner, und da waren die Verkaufsstände links und rechts von der Strasse, dass manchmal die LKW ab und zu jemanden etwas „mitgenommen“ haben (= irgendwie mit dem LKW in die Marktstände rein gefahren sind), was ja ganz natürlich war… und die Marktreinigung war gewaltig! Die ging in die Nachtstunden hinein bis Mitternacht manchmal… Wir hatten einen Dreiradler, auf dem wir die Sachen aufluden und da wurden Kartone über Kartone weggeführt, da hatten sie einen Verkaufsstand, der einen Hocker überlassen hat von zwei Kubikmeter…
Unglaublich, wie das zuging hier…

DER SCHNEE

Karoline Bruno
..Im Winter kamen die riesigen Schneemassen dazu, denn dazumal waren die Winter ja viel strenger und alles viel stärker beschneit auch.
Der Winter ist im Oktober losgegangen und hat im Juli aufgehört. Man sagt am Brenner gibt’s zehn Monate Winter und zwei Monate ist es kalt …


Ferdinand Plattner:
Das ist schon schwierig... Wenn man nur den Frischschnee hernimmt, dann sind es meistens sicher ein paar Meter, aber der feste Schnee ist ein Meter, eineinhalb Meter oder so…
Der frische Schnee war einige Meter hoch, wenn man den frischen gemessen hätte… Es gab Ausnahmeerscheinungen… wie 1950 / 51, da waren es vielleicht sogar 10 Meter…


Herr Plank:
18 Meter und 31 cm! 1951 war der strengste Winter im letzten Jahrhundert. Bei der Bahn wurde das immer aufgeschrieben und gemessen ... Das war das Extremste und da war die Eisenbahn 14 Tage lang gesperrt.

Ferdinand Plattner
..1975, als die großen Lawinen herunterkamen, hatten wir sehr viel Schnee. Am Ostermontag früh da waren 90 cm Schnee, morgens. Da gab es sechs Lawinentote in Brennerbad und die Autobahn war blockiert. Der gesamte Lkw-Betrieb rollte dann wieder über die Brenner-Staatsstrasse für ungefähr drei Wochen. Die Autobahn hatte nicht mehr den Mut, für den Verkehr die Fahrspur frei zu geben. Es gab ja auch keine Lawinenverbauung.

..Ich hab dann dem Bürgermeister Egartner zu verstehen gegeben, dass die Gefahr jetzt vorbei sei. Ich wollte es auch anhand einer Abfahrt über den Hang mit den Skiern beweisen. Wir sind zu Dritt mit dem Hubschrauber hoch geflogen und herunter gefahren. Unten haben die von der Autobahn gewartet und haben geschaut, wie es uns ergehen würde. Ich hatte verstanden, der Berg bringt jetzt keine Gefahr mehr, das wollte ich damit beweisen, weil ich mein Leben ja auch nicht ganz unbedacht weg werfe. Ich habe mich sicher gefühlt, da herunter zu fahren.
Mit der Öffnung der Autobahn hat man trotzdem etliche Tage noch gewartet. Man hatte vorher nicht den Mut gehabt, aus Sorge, es könnte noch eine Lawine da abgehen.

..Wichtig war es, dass die LKWs wieder auf die Autobahn fuhren und der Verkehr wieder da durch ging. Man hat 14 Tage vorher die Toten begraben und zwei Tage nach dem Begräbnis, hat die offizielle Abschiedsfeier stattgefunden: In diesen drei Wochen hatte man wieder diese Riesenbelastung gefühlt. Wenn der ganze Verkehr durch die Ortschaft so weitergegangen wäre, wäre das für die Bevölkerung nicht zumutbar gewesen.

Karoline Bruno:
..Ich kann mich erinnern, als die Autobahn eröffnet wurde, hat man in dem Jahr zirka hunderttausend Schwerfahrzeuge gezählt, statistisch. Binnen zehn Jahren ist man schon über eine Million mit Schwerfahrzeugen gekommen.
Es war ein jährlicher Zuwachs von etwa 10 Prozent. Ich glaube die Autobahn hat es gebraucht.

Ferdinand Plattner
Ja, aber für die Restaurants war sie weniger gut, die hatten Sorge, dass ein LKW-Fahrer nicht mehr einkehrt. Die Gasthäuser haben sicher viel weniger gearbeitet. Als die LKWS hier gestanden sind, haben die Fahrer hier gegessen und getrunken. Damals hat man schon geglaubt, der Brenner könne nicht überleben… aber das Lied geht heute noch gleich weiter.



DIE VISUMPFLICHT

Ferdinand Plattner:
Ich weiß nicht ob (Anm.: die Visumspflicht 1968) noch aktuell war, die Anfangszeit hat man schon sehr stark gespürt, viel weniger Leute sind hergekommen auf den Brenner, es war gang und gäbe…

.. 68 war es nicht mehr. Wie lange das war, daran kann ich mich nicht erinnern, aber ich kann mich sehr gut erinnern, damals war ich noch ledig. Das war Ende der Fünfzigerjahre. Es sind viele Leute hierher gekommen, um Wein zu kaufen in Flaschen, wir haben Flaschen gebracht und die Gasthäuser haben diese Fässer im Keller gehabt mit Pumpanlagen und meine Frau war die Bedienung in der Bar, und da habe ich oft, wenn es besonders eilig war, auch ich diese Hähne betätigt.
Ich habe es kaum geschafft, so viele Menschen haben Wein gekauft.
Der Wein und Mortadella sind nach Österreich gegangen.

Karoline Bruno:
..Für die Grenzbewohner waren zwei Liter erlaubt, die anderen durften fünf Liter mitnehmen. Die Grenzbewohner konnten ja jeden Tag alle zwei Stunden da vorbei kommen.


Ferdinand Plattner:
..Aber ich kann mich an einen Fall erinnern, da habe ich einen Liter Wein mitgenommen, den wollte ich nicht verzollen, und dann habe ich ihn in der Manteltasche innen getragen und bin aufs österreichische Zollamt: „Was zu verzollen?“ „Nein!“ Und dann gehe ich so mit etwas Schwung raus, der Mantel geht etwas auf, und er sieht die Flasche und ich musste sie damals verzollen, so streng war das damals.
Heute kann man mit allem fahren, und wir leben dennoch. So kleinlich war das damals, so genau… wegen einem Liter!


Karoline Bruno:
..Andererseits von österreichischer Seite hat man immer versucht, Mandarinen, Butter und Bananen mitzubringen und auch die waren begrenzt.
Zigaretten natürlich auch, die waren damals viel billiger in Österreich. Aber es war auch mit der Butter, Margarine, Saccharin und Gasanzündern so.
..Eine Episode, daran kann ich mich erinnern, da war einmal ein Priester am Brenner, und der hat sich in Österreich fünf Kilo Bananen gekauft und durfte damit nicht auf italienische Seite. Er hat sich kurzerhand ins Niemandsland gesetzt und binnen einer Stunde fünf Kilo Bananen verspeist. Ich war dazumal bei der Finanzpolizei und diese Episoden hat man da mitbekommen. Im Niemandsland war es nicht strafbar.

DER SCHMUGGEL


Ferdinand Plattner:
Na, ich habe mich aus den Schmuggelsachen raus gehalten. Damals wurde viel Rindvieh, besonders Kälber, über die Grenze lebend geschmuggelt. Aber ich war nie beteiligt daran.

Karoline Bruno:
..Nachts, am berühmten Schmugglerpfad oberhalb der Autobahn.

Ferdinand Plattner:
..Vom Griesbergerhof auf italienischer Seite sind sie dann über den Sattelberg, die Wechselalm, und von dort aus weiter mit einem motorisierten Transport per Traktor oder Auto. Das war sehr rentabel. Die Preise waren in Österreich für Rindvieh viel geringer, als da auf der italienischen Seite.
Dann gab es auch eine Zeit, wo ganz Versierte die Kälber im Kofferraum und im Pkw transportiert haben. Die wussten halt auch, wann die richtige Zeit dafür war, wann die Zöllner etwas müde waren. Das war genau dann, wenn ein Schmuggler das Kalb rübergebracht hatte. Dann hat er seine Schicht verdient und hat sich nicht anstrengen müssen.

Karoline Bruno:
..Die haben oft Aufgriffe gemacht und dazu habe ich eine nette Episode: eines Nachts wurden 14 Milchkälber beschlagnahmt und in der Kaserne hatte man keinen Platz, also gab man sie in die Garage. In der Garage war auch ein Teil des Archivs und am Morgen darauf hatten die Kälber das ganze Archiv gefressen gehabt. Das waren die Zustände in den Fünfziger- und Sechzigerjahren.

Ferdinand Plattner:
..Da kann ich mich auch an etwas erinnern. Das Jahr weiß ich nicht mehr, nur dass die Polizei auch Kontrollen gemacht hat am Berg oben. Ich bin Jäger und im Frühjahr habe ich Spielhähne gezählt bei der Balz am Sattelberg oben. Kurz vorher hat uns der Aufseher gesagt, er hat jetzt zweimal einen Hund am Berg gesehen und er glaubt, es sei ein wilder Hund. Und dann gehe ich hinauf, der Mond hat ein bisschen geschienen und es war etwas dämmerig, plötzlich stand vor mir ein Hund. Ich hatte einen Stock. „So, jetzt Ferdinand, jetzt musst du dich wehren!“ sagte ich zu mir selbst. Dann nahm ich den Stock und habe auf den Hund eingeschlagen. Er ließ ab. Plötzlich sah ich einen Schatten näher kommen, Menschen mit Maschinenpistolen. Ich hatte Angst, die Zähne haben nur so geklappert. Ich konnte vor Angst nicht mehr reden. Es waren Zöllner, die da oben gewartet haben. Sie haben vielleicht geschlafen, aber der Hund hat mich schon wahrgenommen. Ich musste mich ausweisen, ich sagte, dass ich ein Jäger vom Dorf bin. Das war der größte Schock meines Lebens, sonst fürcht ich mich nicht so schnell, aber damals bin ich sehr erschrocken.
Ich hatte gedacht, ich hätte dem Hund schon ziemlich wehgetan, weil ich ihn doch erwischt habe. Das waren italienische Zöllner, da war ein deutschsprachiger dabei, den ich gut gekannt habe, der Zingerle Hubert war das.

..Ich bin 1997 in Pension gegangen mit 1. Jänner. Ein Jahr vor Fall der Grenze.
Damals, als Grenze aufgehoben wurde, haben sie uns interviewt. Der ORF und andere. Sie haben gefragt, wie wir jetzt empfinden. Mir gefällt das ziemlich gut, mir ist so was lieber, es ist wie wenn ich von der Küche in die Stube ginge, wenn ich von Italien nach Österreich gehe. Und dann haben sie das tatsächlich gesendet, das hat ihnen scheinbar gut gefallen.
Und wir haben den Grenzabbau sehr nett gefeiert draußen in dem Zelt weit über Mitternacht hinaus, da war ein schönes Feuerwerk, ein großes und man sieht es geht so auch ohne weiteres, wenn man auch vorher dachte, es gehe unmöglich. Aber trotzdem, es sind schon einige Jahre vergangen, es geht recht gut, scheint mir.

ILLEGALE GRENZÜBERSCHREITUNGEN

..Wenn ich zur Fütterung - da beim Wolf unten, das ist schon einige Kilometer weiter unten - zur Alm aufgestiegen bin, habe ich fast jedes mal wieder frische Spuren gesehen. Da waren starke Bewegungen, die über die grüne Grenze gegangen sind. Aber inzwischen hat das vollkommen aufgehört, diese Grenzüberquerungen zu fuß. Heute funktioniert das per Auto oder Bahn.
..Die Polizei kontrollierte lapidar. Sie war ständig unterwegs, auf dem Abschnitt Gossensass – Brenner begegnete man immer wieder einem oder zwei Polizeiautos. Auch jetzt ist die Kontrolle auf der Strasse sehr stark. Ich habe nicht viel mitbekommen von den Vorfällen 1997.
..Der Pfarrer war hilfsbereit dem Nächsten gegenüber, die österreichischen Behörden waren sehr streng. Man musste ein Visum haben, um weiterzukommen und bei manchen war wirklich das Geld für das Visum nicht da. Die Flüchtlinge wurden festgehalten, ohne Betreuung, keinen warmen Platz, keine Übernachtungsmöglichkeit; das waren schon sehr extreme Fälle. Letzte Anlaufstelle war der Pfarrer, der einerseits die Gesetze zu beachten hatte, andererseits dem Prinzip der christlichen Nächstenliebe folgte.

..Die Österreicher waren strenger, sie hielten sich eher an die Gesetze. Sie sind nordländisch und sehen das wesentlich strenger als wir hier im Süden.

..Na, ich habe eher geahnt, dass ein Transport nachts rüber ist. Da ist ein Bach, und da waren manchmal oder öfters so Stöcke, die man beim Gehen benutzt und ich dachte, wie kommt das eigentlich, da muss doch ein Transport über die Grenze gehen, wahrscheinlich war das dann der Sprengstoff, der hier über die Grenze transportiert worden ist, aber ich kann dazu nichts sagen und habe mich auch nie so sonderlich dafür interessiert .. das war ganz was Gefährliches!

..Die Stöcke haben sie nachts gebraucht, um leichter zu gehen. Das könnte so gewesen sein, ich habe mich gewundert, warum die da drin in dem Bach schwimmen, aber jetzt… woher und wohin, das könnte dort gewesen sein.

..(Anm.: Bei der Feuernacht) Bei uns ist nicht viel passiert, die Kasernensprengung in Steinalm, aber das, dachten wir, sei ein Unfall in der Kaserne selber gewesen. Der Träger hat gesagt, er hat die gesehen: Die hatten Handgranaten und verschiedene Munition und er hat Instruktionen gegeben, dann ist er gleich weg, und bald darauf gab’s eine Explosion. Vielleicht war es eher ein Unfall als Terrorismus.

..Ich hatte einen Hof in Pacht, zwei km weiter südlich vom Brenner, bis 1957 war ich dort. Seit zwölf Jahren bin ich am Gossensass.

..Wegen der 61er Nacht, habe ich nichts mitbekommen und habe mir keine Sorgen gemacht, dass das wirtschaftlich Auswirkungen haben könnte.
..Ich bin Jahrgang `37 und ich hatte unter Mussolini keine Erinnerungen. Als der Krieg fertig war, hat meine Mutter zu mir gesagt, was mir lieber ist: Ob er nun fertig sein oder weitergehen solle und ich habe gesagt, er soll fertig sein. Und sie sagte: „Ja, jetzt ist er fertig!“
Daran kann ich mich erinnern, ich war 8 Jahre alt, 1945. Sonst weiß ich wenig. Ich weiß, dass sie bombardiert haben, und einmal sind die Flugzeuge über den Brenner rein geflogen. Mein Vater hat einen Luftschutzkeller gebaut etwas oberhalb des Hauses, 20 Meter drüber. Der war im Erdreich und gut abgedeckt und man hörte es krachen und damals ist der Brenner bombardiert worden.
Die Unterführung, wo der Bahnhof war, (Anm.: da gab es bei der Bombardierung) ungefähr 20 Tote, Eisenbahner, Bevölkerung, wollten dort in Schutz gehen.
..Ich weiß, dass deutsche Militärs gekommen sind und mein Vater hat gesagt, das sei zum Teil noch bewaffnet waren. „Lasst die Waffen und geht nicht weiter.“ Unter der Eisenbahn gab es eine Unterführung, wo ein Bach drunter durch ging und da haben sie Gewehre und Munition weggeworfen, damit sie weg sind.

Karoline Bruno:
..Die Tante Midl hat mir erzählt, dass der Wehrmachtsverband seinerzeit in der Finanzkaserne war, aber mehr weiß ich nicht, ich weiß nur dass Frauen am Brenner dort hinein zur Arbeit gingen.

Ferdinand Plattner:
..Die Rückwanderer kamen häufig, fast jede Nacht ein paar Leute. In einem Stall haben sie die Nacht verbracht, und eine Möglichkeit gesucht, wie sie weiterkommen sollten. Auch die Rückführungen, die es gab, wurden von den Einheimischen übernommen und ein bestimmtes Stück wurden sie weiter begleitet.

`45 hat es stark geschneit, und sie haben nicht bombardiert. Wo unser Hof war, da war ein Lastenzug, der von deutschen Militärs bewacht wurde. Wenn Bomben fielen, rannten die Militärs schnell weg, weil anscheinend war dieser Lastenzug voll mit Munition.



ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN ITALIENISCHEN UND ÖSTERREICHISCHEN BEHÖRDEN

Daniel Steckholzer:
..wechseln und “carta verde”, diejenigen, die das nicht hatten. Die, welche hereinkamen, kamen wegen des Benzins, weil sie verdienten, sie zahlten viel weniger, die Touristen.
am Eingang hat man sich nur mit den Touristen beschäftigt, auch mit dem Geldwechseln, da hat man gut verdient.

Signor Bruno:
Ich wollte da noch etwas zufügen. Also wir, die Ordnungskräfte - ich war Finanzbeamter -, haben nicht verstanden, warum Österreich so sehr auf die „carta verde“ pochte, weil viele waren sowieso versichert, aber die Österreicher haben immer nur nach der „carta verde“ gefragt. Das war für uns nicht immer ganz klar, warum das so durchgeführt wurde.
..Diese Arbeit war wie eine Schaukel. Es gab Offiziere, die geistig offen waren und deshalb waren die Beziehungen immer freundlich und aktiv, aber es gab auch welche, die reserviert waren und schon da begannen die Beziehungen kälter zu werden, und das dauerte dann wieder eine ganze Zeit lang.
..Auf persönlicher Ebene waren die Beziehungen immer ausgezeichnet, ich habe eine österreichische Frau, spreche etwas deutsch und deshalb hatte ich es auch noch leichter, Beziehungen zu knüpfen. Nur als wir nach Österreich gingen, waren wir etwas, wie soll ich sagen, nicht schüchtern, aber wir waren wirklich im Ausland, etwas, was heute nicht mehr passiert.

..Es gab eine Zeit, die ich würde die „Top-Zeit“ nennen, und zwar zur Höhepunkt des Terrorismus, als wir oder die österreichischen Beamten Fußballturniere in Österreich veranstalteten, in Kufstein. Das war immer sehr lustig, alle zusammen waren wir wirklich glücklich über die Beziehungen zwischen den Österreichern und uns. Nicht nur die Finanz-Wag, sondern auch die Gendarmerie, die mehr als einmal an den Turnieren teilgenommen hat, waren mehr als höflich.

..Es gab eine gewisse Zusammenarbeit, auch mit der Grenzpolizei, auch das internationale Weihnachten: Das war ein riesiges Fest, das man nicht am 25., sondern aus Dienstgründen vorher machte. Da war der Pfarrer Osebio Jori, der der Begründer und Initiator dieser Veranstaltung war. Ab 1953 bis zum heutigen Tag, bis 1992 glaube ich, gab es das Fest. Es wurde in der Brennerkaserne durchgeführt, manchmal sind wir auch irgendwo anders hin. Es war wirklich ein großes Fest!
Es fing mit der Messe von Pater Jori an, die in der Kaserne stattfand und später dann von seinem Nachfolger Giorgio Valentini. Dann gab es ein Mittagessen, das von weit weg kam und zwar aus Trient, vom Monte Bondone. Anschließend gab es die offiziellen Reden, die immer über die Zusammenarbeit, die Brüderschaft, die Freundschaft gingen. Es kamen auch die Schweizer, die Österreicher natürlich, und es ging dann weiter von zehn Uhr morgens bis acht Uhr abends. Zum Schluss verabschiedete man sich, mit dem Versprechen sich nächstes Jahr wieder zu treffen.

..Unser Hauptanliegen war es, keine Terroristen über die Grenze zu lassen, besonders hier am Brenner. 1961 bei der Steinalm gab es drei Tote und vielleicht 15 Verletzte. Deshalb war eben dieses das Hauptanliegen, aber natürlich ging es bei den Kontrollen auch um den Schmuggel vor allem von Kühen. Wir haben sehr viele von diesen sequestriert. Aber es ging auch um Zigarettenschmuggel, weil der Grenzschmuggel, den gab es immer. Am wichtigsten war die Terrorismusbekämpfung.

..In der Zeit der Anschläge waren die Kontrollen viel stärker, viel genauer, und dann entspannte sich die Situation ein bisschen. Hier an der Grenze zum Brenner gab es keine Autobahn, sie haben vom Glicksberg geschossen, in Richtung Finanzbeamte, an einem solchen Sonnentag wie heute, wir haben den Terrorismus tatsächlich erlebt.
..Und dann konnten die Finanzbeamten in dieser Zeit nicht alleine raus gehen, sie mussten immer zu zweit oder zu dritt raus und zu einer bestimmten Zeit zurück sein. Diese Kontrollen waren wichtig, der Brenner war damals ein großer Ort mit 800-900 Einwohnern, die Militärleute, die Finanzbeamten, die Polizei, die Carabinieri, Paramilitärs, und dann auch der Geheimdienst, und deshalb gab es eine große Präsenz damals.

Daniel Steckholzer
..Wir hatten immer eine riesige Kolonne (Anm.: beim ACI), vor allem als es noch keine Autobahn gab, es gab viele Menschen. Ich habe 36Jahre gearbeitet, vom 01.06.62 bis 01.06.98.

..Schlimm war es, als die Wechselstation wegkam, die Steuern die bezahlt werden mussten, da gab es viel Arbeit, und dann langsam gab es nichts mehr.

..Das Haus wurde vor einem Jahr ungefähr geschlossen für immer. Die Zentrale war hier und alles wurde von drüben hierher gebracht und dann wurde langsam drüben alles abgezäunt auf der Autobahn.

..Wir hatten damals 62 nach der Feuernacht wenig zu tun, wir haben nicht gelitten. Der Tourismus hat auch nicht gelitten.

Rudi Plank:
..Der Tourismus ist mehr oder weniger gleich weiter gegangen.

Karoline Bruno:
..Die deutschen Touristen haben ja nichts gewusst.

Rudi Plank:
..Es gab ja Holländer und alles Mögliche.

Daniel Steckholzer:
..Die kamen ja auch aus China und überall her, aus Japan und ähnliches mehr.

Signor Bruno:
..Es kamen 27 Mio. Touristen über den Brenner und das jährlich. Das sind nicht wenige. Damals, als noch die Lire existierte. Heute werden es auch mehr sein, sie fahren über den Brenner. Ich wollte noch hinzufügen, dass die radikalste Veränderung aber erst seit Jänner dieses Jahres stattfand, als der Euro eingeführt wurde, weil vorher war der Brenner ein Ort, wo die Menschen herkamen um auf dem Markt etwas zu machen, wegen dem Schilling, wegen der deutschen Mark, aber mit dem Euro sind die Preise angeglichen worden und deshalb hat der Markt auch nicht mehr diese Funktion von einst.

..Ich möchte sagen, dass es keine gute Verwandlung ist, das ACI –Büro wurde geschlossen, die Büros wurden geschlossen, aber ich selbst bin sehr froh über den Euro, um das klar zu sagen.

Daniel Steckholzer:
..Alles ist teurer geworden,

Signor Bruno:
..Ja, aber das verdanken wir nur den Spekulationen, die den Wert des Euros um die Hälfte reduziert haben. Ich habe letztes Jahr Obst gekauft, das hat 900 Lire gekostet -- dieses Jahr kostet sie einen Euro, also mehr als 100 % teurer!

Daniel Steckholzer:
..Der ACI war sehr wichtig für das Dorf, sehr wichtig. Für den Tourismus auch, denn der Abschleppdienst ist sehr wichtig. Der Brenner war eine enorme Geschäftsstelle für den Automobilklub Italien.
..Jedenfalls haben sie sehr viel Geld gemacht. Es gab 30 bis 40 Studenten die die Treibstoffkarten, die damals jeder haben musste, entwertet haben.

Signor Bruno:
..Abgesehen von dieser Treibstoffkarte gab es auch die Kontrolle durch die Finanzbeamten. Sie kontrollierten, auf der Treibstoffkarte, welches Auto aus Italien raus fuhr und welches rein.
..Der ACI gab 25 Personen eine fixe Arbeit, und dann gab es noch die Saisonarbeiter, die auch nicht wenige waren. Es war ein Ort, der vielen Familien Arbeit aus dem Hochpustertal Arbeit gab.

Daniel Steckholzer:
..Man hat den Tourismusaufschwung in allererster Linie auf den Straßen bemerkt, weil es viel mehr Stau gab. Als es keine Autobahn war, da gab es einen Stau bis Franzensfeste im Ausgang. Auf Innsbrucker Seite führte der Stau bis nach Innsbruck und dann am Karfreitag 72 kam endlich die Autobahn.
..Wir sind da rüber und haben sie aufgemacht, das war ein Massenansturm schon am ersten Tag, wir waren gut ausgerüstet. Das Haus war immer Zweigstelle.

Signor Bruno:
..Unsere Landsleute hatten einen großen Vorteil durch den Tourismus. Als man die Autobahn eröffnete, gab es am Brenner einen halben Streitfall, weil gesagt wurde, dass durch die Eröffnung der Autobahn niemand mehr hierher kommt.
Ich möchte auch noch eine Sache unterstreichen: Brenner ist ein Name, der in ganz Europa bekannt ist. Der Ort ist wichtig für Italien und für diese Täler hier. Nach der Autobahneröffnung kamen wirklich weniger Menschen hierher, aber auf der anderen Seite, diejenigen die damals die Bundesstraße machten, waren genau gleich, sie fuhren auch geradeaus und fertig, weil der Tourist sein Ziel erreichen will. Später kamen die Touristen auch zurück, der Markt am Brenner war immer gut besucht, und das haben wir bis vor kurzer Zeit gesehen. Es gab auch Sachen, wie den Absturz der Lira: dadurch wurden viele Händler zu Millionären.

..Die, die hier wohnen, kommen vor allem aus dem Veneto, wenige kommen tatsächlich von hier, sie sind von überall her, die Händler.

Signor Bruno:
..1964/65 hat meine Frau den Wettbewerb gewonnen und wurde hierher an den Brenner versetzt. Wir hätten auf ihre Arbeit verzichten können, aber wir haben die Koffer gepackt und sind im Mai 1965 hierher, natürlich darauf hoffend, dass wir ein Haus finden. Wir haben nichts gefunden; heute gibt es 38 leer stehende Unterkünfte, die teilweise von Pakistani und anderen Ausländern bezogen wurden, aber damals gab es kein Loch.

..Ich musste nach Gossensass, in eine Unterkunft dort von der Kaserne und blieb dort einige Monate und dann wurde endlich eine Wohnung frei. Wir sind in die Kaserne am Brenner gezogen, und wir mussten jedes Mal, wenn meine Frau einkaufen ging, die Einkaufstüten zeigen, weil man konnte ja nie wissen, es hätte ja auch jemand eine Bombe in die Tasche legen können, damit sie in der Kaserne explodiert.

Karoline Bruno:
..Wenn man zum Einkauf ging, dann musste man die Einkaufstausche öffnen und der Beamte hat sich angesehen, was da drin war, ob das jetzt eine Melone oder sonst was war…

..Ich habe den Brenner nicht gekannt, jedes Mal hat’s geschneit, dann kam ich nach Brenner um mich vorzustellen, und bin dann nach Meran zurück zu meinem Mann und habe gesagt „Am Brenner nie!“ „Aber wir müssen ja, wenigstens ein paar Jahre“, und daraus sind 40 Jahre geworden.
Man hat sich dann eingelebt, es waren Familien da, viele, es gab viele Vorteile, man hat gut gelebt. Es gab ein gutes Miteinander, die Kinder haben ihre Wurzeln geschlagen, die sind eingefleischte Südtiroler.

Signor Bruno:
..Wir kamen von Meran, aber vorher waren wir im Passeiertal gewesen, wir haben keine Probleme zwischen Italienern und Deutschen festgestellt. Das war immer so, es war eine Insel, die Pfarre von Brenner geht auch auf die österreichische Seite über.

Karoline Bruno:
Das internationale Weihnachtsfest, von dem haben wir das ganze Jahr gezehrt und wir haben dadurch alle Autoritäten persönlich kennen gelernt. Wir haben immer einen Gesprächspartner gefunden, in Österreich oder Deutschland, das hat Freundschaften gebracht.

Rudi Plank:
„Zoll, Polizei, Finanz und andere öffentlich Institutionen, wie z.B. Eisenbahn, Automobilklub, und andere öffentliche Ämter, die Gemeinde, die hier tätig waren, haben sich bei diesem Fest getroffen. Dreimal war es in Deutschland – in Bayern -- einmal in Österreich und einmal in Italien. Da waren Zirog und Ladurns die Hausberge, draußen waren es der Kaiserkogel, der wilde Kaiser und einmal war es auch in St. Anton, wo es stattgefunden hat.


Signor Bruno:
Es gab immer eine rege Teilnahme. Es war schlecht, draußen zu bleiben. Eine Nicht-Teilnahme wurde tatsächlich bemerkt.
Auch nach 61 wurden die Fußballspiele gemacht, bis ins Jahr 1966, als noch der Capitano Passini tätig war.

Karolina Bruno:
Nach dem vermutlichen Attentat, das ist ja nie klar gewesen, ist für zwei Jahre dieses internationale Weihnachtsfest nicht abgehalten worden. Auch im Gedenken an die Toten und an die Verletzten. Danach ist es wieder aufgenommen worden, weil man die Notwendigkeit des jährlichen Treffens erkannt hat.
Wir haben die Feuernacht im Passeiertal erlebt, wir waren dazumal in Moos im Passeiertal. Da hat er bessere Erinnerungen als ich.

Signor Bruno:
..Wir waren eben in Moos und wir haben morgens die Nachrichten erhalten, was passiert war, denn damals gab es kein Fernsehen. 1961, am 13. Juni, bzw. in der Nacht vom 11 auf den 12 Juni haben wir die Nachricht erhalten, dass ich weiß nicht wie viele Sprengkörper auch im Passeiertal hochgegangen sind.

..Es gab Momente als jemand, der mit einer Österreicherin verheiratet war, auf bestimmte Weise behandelt wurde. Aber das war nur ganz kurze Zeit, weil später wurden diese Zweifel behoben. Man kann nicht die Familie in diese Sachen hineinziehen. Wer Terrorist sein will, soll es sein, aber wer ein ehrlicher Mensch ist.

Rudi Plank: Es gab einige die wirklich verschlossen waren.

Signor Bruno:
Wir hatten zum Glück keinen solchen Fall. Ich kam 1957 nach Südtirol. Es gab noch das Visum aber es hat nicht lange gedauert, nur in einem Jahr brauchte man ein Visum.

Daniel Steckholzer:
Mit dem hatten wir nichts zu tun, wir haben es nicht wahrgenommen.

Rudi Plank:
..Das war eigentlich Aufgabe der Carabinieri. Weder Finanzpolizei noch ACI hatten damit etwas zu tun, weil die Grenzkontrolle haben auf der Nationalstraße die Carabinieri durchgeführt, später dann an der Autobahn hat das die Polizei, die Grenzpolizei übernommen.
Die Finanz hatte nicht den Pass kontrolliert, außer sie wollten das Auto und die gesamte Person kontrollieren, da wurde dann natürlich der Pass auch kontrolliert, aber ansonsten.
Der Finanzbeamte hat bestimmte Stichproben gemacht, gewisse Kontrollen, die normale Passkontrolle wurde von den Carabinieri durchgeführt. Natürlich dann auch das Visum, der Visumstempel.

WOHNEN AM BRENNER

Karolina Bruno:
..Es waren alle Wohnungen bewohnt, auch die Dachböden. Der Großteil der Militärs, ob das jetzt Carabinieri, Finanzer oder Polizei waren, waren Junggesellen. Es waren einige Familien, in der Finanz waren wir die einzigen, aber es waren sehr viele Eisenbahnerfamilien da. Schon allein der Fall, dass es einen Kindergarten, eine Volksschule und eine Hauptschule gegeben hat, war wichtig. Die sind mittlerweile abgeschafft, es gibt noch einen Kindergarten aber dank der pakistanischen Kinder, sonst wären nicht genügend Kinder am Brenner, um den Kindergarten offen zu halten.

..Sie (Anm.: die Militärs) waren natürlich nicht begeistert, am Brenner zu kommen. Meistens waren es Leute aus dem Süden, die diese Wetterverhältnisse überhaupt nicht kannten, außerdem durften sie seinerzeit nicht nach Österreich. Militärs durften nicht ins Ausland.
..Man hat sich gegenseitig besucht, besonders durch die Kinder sind viele Kontakte aufgekommen. Es gab auch mehr Veranstaltungen im Ort, es gab gemeinsame Abendessen, sogar Tanzunterhaltungen.

Signor Bruno:
..Im „Dopolavoro“ wurden Kinovorstellungen für Kinder veranstaltet, für deutsche/italienische/gemischtsprachige Kinder. Also gab es auch kulturell eine sehr lebendige Atmosphäre. Es gab die POLfront, den CAI, den Verona Club, die Feste veranstaltet haben für die Bevölkerung, vor allem für die Kinder. Dem Eisenbahner-dopolavoro haben wir diesbezüglich viel zu verdanken, das muss man sagen.

DIE GESCHÄFTSLEUTE

Rudi Plank:
..Die hatten 24 Stunden offen, die mussten putzen, …. Das sind Vergangenheiten, die sind nicht unmittelbar in der Zeit nach dem Krieg, auch wenn diese natürlich auch wichtig sind, aber das sind Geschichten, die sind 65-69 passiert, bis die Autobahn auftat. Der erste große Einbruch am Brennerort war mit Eröffnung der Autobahn, nicht mit dem Euro. Die arbeiten heute noch besser als wie jedes andere Geschäft.

..(Anm.: Die Autobahneröffnung war ein Einbruch,) weil mit der Autobahn auf der Nationalstraße 70% weniger Verkehr war. Der Schwerverkehr war weg, aber auch der andere Verkehr hat sich zu 70 % auf die Autobahn verlagert.
Früher hatte jeder Italientourist noch 3000 oder 2000 Lire und hat das hauptsächlich als Münzgeld am Brenner verbraucht, und wenn er faule Trauben gekauft hat! Er hat einen Liter Wein gekauft und hat sich irgendwie vom Geld befreit. Und dann kam eine lange Zeit, wo es diese Schecks gab, 500 Lire, 200 Lire, 150 Lire, das war reines Klopapier, die musste er hier lassen, sonst hätte er sie wegwerfen müssen, das war die große Einnahme von Geschäftsleuten am Brenner, das muss man auch sagen.

..Ein einheimischer Bürger der Gemeinde Brenner dem wäre es zu schlecht gewesen dort ein Würstelstand aufzumachen. Da kamen welche von auswärts, die hatten gerade mal einen Nylonsack, und haben am Brenner einen Würstelstand eröffnet, und haben sich mit 3, 4, 5hundert Millionen vor 20 Jahren, dann ein Haus gebaut. Das sind Sachen, die tatsächlich hier passiert sind.

..Ein Einbruch war auch der Fall der Grenze, also 1998, wo der Brenner wieder an Wichtigkeit verloren hat. Was ist passiert: Autos fahren immer noch gleich viele vorbei, aber die Leute sind abgewandert. Zöllner, Finanzer, Carabinieri, die sind alle abgezogen worden. Auch bei der Eisenbahn mit ihrer ganzen Reformierung und Technologie hat es einen großen Abbau der Arbeitsstellen gegeben.

::Jetzt sind am Brenner 150 Leute weggezogen. Ich zähle jetzt die, die kurzfristig hier waren nicht mit. Damals wurde dann natürlich weniger eingekauft, und dann kam noch zusätzlich der Euro und logischerweise am Brenner , wenn es vorher ein Handelsdorf war, fast wie Samnaun, wenn da 10 Leute rein gekommen sind, dann konnte man 15 rauswerfen, weil dann kamen die nächsten 20 ..

.. Heute ist es ein normaler Ort mit normalen Geschäften, wo sie umdenken müssen und nicht mehr den ganzen Ramsch und den ganzen Schmarren verkaufen können. Heute müssen sie mehr auf Qualität schauen, auf den Kunden eingehen und ein klein wenig dem Aufmerksamkeit schenken und ihn nicht wie den letzten Dreck behandeln, aber es ist immer noch ein Geschäfts-Ort. Früher haben sie die Nylonsäcke in die Bank getragen.

Daniel Steckholzer:
Früher haben sie das Geld in die Müllsäcke hineingetan und dann in die Bank getragen und nicht selbst gezählt, das musste die Bank machen.

Karoline Bruno:
Es leben nur wenige von denen noch, teilweise sind sie abgewandert, teilweise gestorben.


DER BRENNER UND DAS GELD


Signor Bruno:
…Es gab einen Witz, der im Spiegel erschienen ist, das den Brenner wie eine Kuh darstellte: An dieser Kuh hingen mehrere Personen dran, der Brenner wird ausgenützt, gemolken wie eine Kuh und das ist war, denn das ganze Geld was hier verdient wurde, wurde nicht am Brenner ausgegeben und deshalb ist der Brenner bis heute so wie er ist. Wenn irgendjemand investiert hätte, dann…, aber der Großteil dessen, was am Brenner verdient wurde, wurden in die Toskana gebracht, an den Gardasee, etc. etc. Dieser Witz hat soviel schlechte Laune verbreitet, dass….

Karoline Bruno:
..Ich bin nie weggezogen vom Brenner, ich habe nach wie vor meinen Wohnsitz am Brenner und schlafe im benachbarten Haus. Am Brenner wollten wir eigentlich nicht bleiben und in Sterzing fanden wir keine Wohnung. Wir haben uns immer vorgenommen, wenn wir in Pension gehen, wollen wir in ein wärmeres Gebiet, aber ist es halt nicht.
..Es ist eine Geisterstadt, in dem Moment wo die Geschäfte schließen. Am Tag ist immer etwas Bewegung, besonders an Samstagen und Sonntagen, es kommen doch ziemlich viele von Innsbruck und vom Mitttal herauf, aber eine Geisterstadt wird’s nach 18 Uhr .. Da finden sie keine Menschenseele mehr am Brenner. In den 60er 70er Jahren hatten die Geschäfte bis neun Uhr geöffnet. Das Leben hat weiter pulsiert.

..Mir geht nichts ab in Nöslach. Die Kinder haben die Schule in Sterzing besucht und einer ist nach wie vor am Brenner tätig beim ACI, der andere beim Zollamt in Franzensfeste, wohnt aber in Brixen.
..Sie sagen, sie hatten eine schöne Jugend gehabt am Brenner, und sie merken es schon sie hatten gute Erinnerungen an ihre Kindheit, es waren damals so viele Familien da, unzählige,
und die Kinder sind skigefahren, das war der einzige Sport, den sie durchführen konnten, damals war der Zirog noch geöffnet, das war ihr Hausberg sozusagen,

Daniel Steckholzer:
..Ich fühle mich am Brenner wie zu hause. Ich bin immer gern am Brenner gewesen. Das Leben ist mehr oder weniger überall gleich, mir gefallen die Leute, mir passt es am Brenner. Ich bin fast 40 Jahre da gewesen und dann ist es eine Gewohnheit. Die Sterzinger sagen überall nur nicht am Brenner, aber wenn man da fast aufgewachsen ist, dann ist das kein Problem.
..Sterzing … nach 19 Uhr ist in Sterzing auch nichts mehr los. Das ist mehr oder weniger das moderne Leben, das hat das moderne Leben mit sich gebracht, das Fernsehen und alles miteinander, die Leute sind dann lieber zu hause am Abend vielleicht. In Sterzing ist es im August voll, aber wenn man im September nach sieben Uhr nach Sterzing geht, dann ist es fast leer.

Karoline Bruno:
Das ist das Klima, es ist kalt hier.

DIE ZUKUNFT

Signor Bruno:
..Es geht darum, unseren Verwaltungs-Autoritäten verständlich zu machen, was sie am Brenner machen sollten, aber nicht in 10/12 Jahren, sondern das, was sie in kurzer Zeit machen sollten. Sie reden zwar von gigantischen Programmen aber niemand legt Hand an, weil der Brenner nicht in Konkurrenz zu Sterzing steht, darüber müssen wir uns im Klaren sein, es sind zwei verschiedene Sachen. Der Brenner muss aus eigener Kraft leben, aber leider hat das niemand verstanden.

..Es ist die Gleichgültigkeit der Verwaltung, weil in letzter Zeit viele in der Gemeinde waren, die den Brenner nicht besonders sympathisch betrachteten. Ich hoffe, dass in Zukunft etwas geändert wird. Und es ist nicht notwendig, dass sie uns erzählen, dass es große Projekte gibt, die dann vielleicht irgendwann realisiert werden. Es ist wichtig zu zeigen, wie der Brenner ist und das möchte ich am liebsten dem Bürgermeister sagen, was er sich erwartet.


Rudi Plank:
..Also der Brenner war, ist und wird ein guter Arbeitsplatz bleiben, ein Handelsplatz, klein oder groß, das hängt von dem politischen Geschick ab, was am Brenner in Zukunft gemacht wird, oder was man machen will. Viel wird von den Bürgern abhängen, also die Geschäftsleute, die am Brenner ansässig sind, sie können nicht verlangen, dass diejenigen, die am Brenner arbeiten diesen Ort neu strukturieren, aber Ich sehe nicht so schwarz. Es gab schon vor 20/25 Jahren so Ideen, bzw. Gehirngespinste, wo man aus dem Brenner ähnlich Samnaun eine zollfreie Zone machen wollte, aber das sind Illusionen, die weggefallen sind, daran braucht man jetzt nicht mehr zu denken. Aber der Brenner ist immerhin der höchste Grenzübergang Europas, es ist die Nord/Südstrasse und ich sehe im Brenner immer noch Zukunft, d.h. auf jeden Fall Arbeitsplätze, nicht unbedingt Wohnqualität. Man muss vielleicht aufpassen, wer in Zukunft am Brenner die Geschicke leitet, und auch aufpassen, wer in Zukunft am Brenner wohnt, wer wird diese noch leeren Wohnungen besetzen, man soll nicht pessimistisch sein.

..Na, es ist sehr schön, dass alle jene, die an der Grenze sind oder an der Grenze wohnen, oder noch arbeiten, dass heute nach Österreich gefahren werden kann ohne stehen zu bleiben, Ausweise herzeigen zu müssen und ohne Kolonne. Auch wenn die Grenze aufgehoben ist, auch wenn alles Europa ist, Brenner wird immer ein Grenzort bleiben und wenn es das nicht mehr ist, dann ist es eine Wettergrenze, eine Wetterscheide.

Karoline Bruno:
..Es ist trotzdem eine Grenze die immer, auch in den vergangen Jahrzehnten verbindend war.

Rudi Plank:
Es war immer eine Sprachbarriere, hat immer eine Grenzfunktion gehabt, nur die Wichtigkeit kam dadurch, dass Südtirol zu Italien kam, das ist ja ganz logisch, dass da die Grenzelemente unterschiedliche Wurzeln geschlagen haben, aber Grenze war es bei den Römern schon.. also wenn er nicht die Grenze war, dann hat er die Menschen an die Grenze geführt.

Signor Bruno:
Ich könnte zu den anderen Sachen noch eine kleine Episode hinzufügen. 5 bis 6 Jahre her hat Giro d’Italia den Brenner überquert, und hier kam Gino Bartali an, eine gute Seele, der als Spitze des Giro, am Brenner angehalten hat, fragte: Wo sind die Autoritäten hier am Brenner? Wir sind alle hier. Sie haben sogar vergessen, dass der Giro hier vorbeiführt.

Plank: Ja, das war 92/93, als der hier vorbeiführte. Das ist 10 Jahre her...

Presseecho

Was die Presse schrieb

Wochenzeitschrift FF - Nr. 36 - 2002 von Georg Mair

Es gilt, dem Landeshauptmann in den Arm zu fallen. Denn der Landeshauptmann will abreißen lassen. Der Bürgermeister vom Brenner auch. Wenn es schon keine Grenze mehr gibt, so soll auch nichts mehr an sie erinnern. Schon gar nicht das Gebäude des Zoll oder der Polizei. Lokomotiven, Kontrollstationen, Kammern der Staats-macht sind Dinge, die nicht un-bedingt schön sind, aber dafür Geschichte(n) erzählen. Das „Kuratorium für technische Kulturgüter“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf diese Dinge aufzupassen. Der Kunstverein „Lurx“ hat am Brenner Kunst im Sinn, das österreichische Zollhaus soll gar für Veranstaltungen dienen. Wenn man diese Dinge, diese Gebäude so einfach vernichtet, entsteht eine Leere im Kopf und im Raum. Am Grenzübergang am Brenner beispielsweise, wo heute die Autos kaum mehr verlangsamen, würde eine freie Fläche im Wind entstehen. Das wäre dann der Platz für die „lebende Grenze“, die der Landeshauptmann im Kopf hat und die vor allen den Geschäften dienten, die früher einmal die größten waren. „Heute“, so heißt es, „müssen die Geschäftsleute sich schon auf die Füße stellen.“

Grenze im Gerede. Am vergangenen Wochenende war der Brenner fast wie früher. Weil auf der Autobahn sich der Verkehr staute, nahmen die Reisenden die Bundesstraße, die Parkplätze waren voll. Und bedienten sich am Obststand und in den Gasthäusern, von denen man keine Versorgung mit kulinarischen Köstlichkeiten erwarten kann.
Jedenfalls ist es so, dass der Brenner wieder im Gerede ist und das ist nicht zuletzt ein Verdienst der Kunst. Am vergangenen Wochenende bearbeiteten Künstler und ein paar Menschen, die sich für solche Orte begeistern, die Grenze. Matthias Schönweger aktionierte alternativ-patrio-tisch, Franz Wassermann stellte sein Projekt „Schubhaft“ vor, mit dem auf das Los von Exilanten aufmerksam gemacht wurde.
Ins italienische Zollhaus hatten ein paar Künstler (Armin Mutschlechner, Luis Seiwald, Robert Engl, Karl Volgger, Jo-hannes Stötter,...) ihre Werke hineingestellt, ohne auf den Ort zu achten.
Der Münchner Valentin Goderbauer bewältigte den Brenner privat, aber im Dialog mit dem Raum. In seiner Installation mit drei Heizkörpern und drei Handtüchern versinnbildlicht der Brenner den ersten Halt, wenn man von München aus nach Italien fährt, durch Tirol fährt man durch, so schnell es geht.
Am Samstagabend fuhr dann auch noch der Dichter Toni Bernhart zu den Klängen von Dirk Schwibbert durch die Berge. „Gott fährt in einem Auto mit Schweizer Kennzeichen über die Alpenpässe.“ Eine Performance, die listig (Kunst)Grenzen aufhob und sich vor schnellen Antworten hütete.
Das italienische Zollgebäude am Brenner ist ein verlotterter Ort, und der „Fungo“, in dem sich die Polizisten und Zollbeamten wärmten, ist der richtige Ort für Kunstausstellungen. Im oberen Stockwerk des italienischen Zollgebäudes liegen alte Matratzen, stehen Kühlschranke offen, Tapeten wellen sich von den Wänden und unter dem Teppichboden zeigt sich der Est-rich. Im Dachgeschoss hatten die Zöllner sogar einen Schießstand. Davon gibt es keine Spur mehr, es scheint, als hätten die Menschen hastig diesen Ort verlassen.

Verlotterte Orte. Dabei ist das Zollgebäude ein Ort, über dem heute noch der Angstschweiß liegt.
Gewöhnliche Menschen mussten sich darin ducken. In die oberen Stockwerke führt eine schmale Tür. Durch die gelangte, wer oben wohnte. Manch einer erinnert sich heute noch zornig daran, wie er vor den Zöllnern Schlange stand. Ein älterer Mann sagt: „Lasst mich schnell hinein, ich will noch einmal meine Kammer sehen.“ Ein anderer erinnert sich an die Verdammungen, die in diesem Gebäude ausgestoßen No. 36 / 5. September 2002 wurden: „Wenn all die Flüche in Erfüllung gegangen wären, würde heute in Südtirol „Ein Tirol“ regieren.“ Man kann sich schon vorstellen, wie der eine gefilzt und der andere durchgewinkt wurde. Auf der österreichischen Seite achteten die Zollbeamten auf die Figur der Frauen. „Sie kamen meistens schlank an und gingen mollig wieder heim“, sagt ein ehemaliger Grenzer, der sieben Jahre mit seiner Familie am Pass oben wohnte und „sieben Jahre lang kein Fenster aufmachen konnte“.
Die Innsbrucker kamen, als es die Grenze noch gab, zum Einkaufen auf die italienische Seite und wollten halt nicht alles verzollen. Die Grenzer gin-gen in der Mittagspause hinüber und spionierten den Kunden nach: „Wir wussten somit, wer eine neue Lederjacke gekauft hat.“ Die Geschichte ist eine Anekdote. Die Zeitzeugen erzählen lieber lustige Dinge von Schmugglern. Und auch, wenn es jemand gern hätte, hat keiner auf den Hitler und den Mussolini am Brenner aufgepasst. Seitdem es die Grenze am Brenner nicht mehr gibt und dort nur mehr illegale Ausländer angehalten werden, gedenkt man dauernd der Grenze. So, als wäre mit dem Verlust der Grenze auch das Verbindende zwischen Nord- und Südtirol verloren gegangen. Oder wie Kollege Florian Kronbichler es formulierte: „Jetzt gibt es nichts mehr, was Tirol verbindet.“
Georg Mair
Wochenzeitschrift FF FF No. 36 / 5. September 2002
ff: Wie haben Sie sich mit dem Thema der Kulturtage „Kultur ohne Grenzen“ auseinander gesetzt?
Armin Mutschlechner: Luis Seiwald und ich haben eine Arbeit mit dem Titel „Grenzenlous‘n“ präsentiert: Eine Fotoarbeit, wo zwei Menschen den Kopf auf die Schienen legen.

Sie fanden nicht nur lobende Worte…
Es war so viel Politprominenz anwesend, dass die Stimme kursierte, dass das Kuratorium für die nächsten Landtagswahlen anwesend sei.

Und die künstlerische Qualität?
Eher schwach. Nicht alle Mitglieder des Vereins Lurx, der das Event organisierte, haben sich mit dem Thema de Grenze auseinander gesetzt. Im Gegenteil, manche haben die Veranstaltung für eine Ausstellung genutzt und sich noch aufgeregt, dass sie die hässlichsten Räume bekommen haben.

Bilder, die also mit dem Thema nichts zu tun hatten?
Diese Bilder könnte man an jedem beliebigen Ort der Welt aufhängen. Die Qualität der Bilder tut dabei nichts zur Sache, es hat mich nur geärgert, dass sich einige überhaupt keine Mühe gegeben haben. Das war so gesehen ein billiger Weihnachtsbazar. Jeder Hobbymalverein macht eine bessere Ausstellung.

Alles misslungen also?
Doch, gelungen war es schon. Ich habe mich nur ein wenig geärgert. Und bei der Diskussion im Verein Lurx wurde ebenfalls festgestellt, dass einiges ein bisschen schiefge-laufen ist. a

GRENZE / Kultur - (02.09.2002 -- Dolomiten)

"Den Brenner auf den Kopf gestellt"
Viel Politprominenz bei "Kultur ohne Grenzen" - Nur wenige Besucher

Brenner (ge) - Was das "Multimediale Kulturereignis" am Brenner vergangenes Wochenende darbot, wäre vor Schengen wohl nicht denkbar gewesen: In jenen Zollhausräumen, wo reisende Bürger oft scharfen Kontrollen unterzogen wurden, stellten nun internationale Künstler ihre Kunstwerke aus.
Bei der Eröffnung der Brenner-Kulturtage am Samstag sah man viel Politprominenz, jedoch wenig Volk. Gekommen waren Regierungskommissär Giustino di Santo, der Tiroler Landeshauptmannstellvertreter Ferdinand Eberle, die Landesräte Bruno Hosp und Michl Laimer, die Landtagsabgeordneten Martha Stocker und Walter Baumgartner. Landeshauptmann Wendelin Weingartner und Landesrat Luigi Cigolla gaben Grüße.

Die Bürgermeister von Brenner und Gries am Brenner, Christian Egartner und Willi Schöpfer, freuten sich über dieses "Kulturevent". Landeshauptmannstellvertreter Eberle und Bruno Hosp erinnerten an unliebsame Kontrollen, die ihnen die Durchreise am Brenner erschwerten. Landesrat Laimer erinnerte an das Interreg-Programm "Technische Kulturmeile Nord-Süd".

Dann führte Heinrich Schwazer in die Kunstinstallationen in den ehemaligen Zollhäusern ein. Die Kunst ermögliche "live" die dramatischen Änderungen am Brenner zu erleben, der Grenzort dürfe nicht nur Konsumtempel, sondern auch offen für andere Ideen sein.

Am Nachmittag berichteten in einem Zollhaus-Unterdachraum Zeitzeugen über das Geschäftsleben am Brenner in den vergangenen Jahren, während der Eisenbahnfreizeitverein in das Bahnhofsgeschehen Einblick gewährte. Beim Freilicht-Kino stellte Durnwalder seine Ideen über die Zukunft des Brenners vor (siehe auch Bericht auf Seite 10). Am Sonntag führte Gemeindechronist Günther Ennemoser Interessierte durch die wechselvolle Brenner-Geschichte, wobei historische Schauplätze aufgesucht wurden.

"Mit allen Mitteln zu bekämpfen"
Durnwalder gegen Autobahn-Raststätte auf Nordtiroler Seite - "Wäre Tod der Dörfer" Bozen (lu) - Schon 2003 könnte laut Landeshauptmann Luis Durnwalder mit den Arbeiten zur Umgestaltung des Brennerpasses begonnen werden. Pläne der österreichischen Autobahngesellschaft Asfinag, auf Nordtiroler Seite nahe dem Brenner eine Autobahnraststätte zu errichten, "möchten wir mit allen Mitteln bekämpfen. Denn das wäre der Tod aller Ortschaften am Brenner", betont Luis Durnwalder.
Die Machbarkeitsstudien zur Brenner-Umgestaltung auf Südtiroler und Nordtiroler Seite seien ausgearbeitet. "Die Einigung mit der Brennerautobahn-Gesellschaft zur Errichtung zweier Ausfahrten am Brenner bereits unter Dach und Fach. Es wird dabei auch ins Auge gefasst, dass die Ausfahrten breit genug für Busse sind", erklärt Durnwalder. Die Zukunft des Brennerpasses kam am Wochenende auch bei den Kulturtagen am Brenner zur Sprache (siehe Bericht S. 13).

Längs der Autobahn am Brenner sollen nur eine kleine Bar, Toiletten und ein Informationsstand Platz finden. Zudem ist die Aufstellung der Plessi-Dreiecke, die Blickfang bei der Weltausstellung in Hannover waren, am Platz, wo sich derzeit das Restaurant befindet, bereits beschlossen.

Und es scheint, als hätten die Pläne der Asfinag, auf Nordtiroler Seite des Brenner längs der Autobahn eine große Raststätte zu bauen, die Umstrukturierungsvorhaben beschleunigt. "Auch die Nordtiroler Gemeinden nahe dem Brenner sind gegen dieses Vorhaben. Bisher habe ich nur gehört, dass Ferdinand Eberle für dieses Raststätten-Projekt wäre. Würde dieser Plan verwirklicht, gingen die Dörfer am Brenner kaputt. Das wäre der Ruin, nicht nur für den Brenner, sondern auch für Gries am Brenner. Ich habe mich in dieser Angelegenheit bereits mit Wendelin Weingartner abgesprochen", so Durnwalder.

Brenner-Dorf soll demnach zu einer lebenden Raststätte werden. Das Umstrukturierungsprojekt wird zwischen 20 und 30 Mio. Euro kosten. Geplant seien u. a. ein großer Kinderspielplatz, ein kleines Brennerpass-Museum.

Der nächste Schritt, der dieser Tage gesetzt wird, sind die Verhandlungen mit dem Staat, der Finanzwache, der Polizei usw. wegen der vielen leerstehenden Gebäude und Kasernen. "Diese verlotterten Gebäude, die nicht mehr gebraucht werden, sollen abgebrochen werden", erklärt Durnwalder, der das Fortkommen des Brenner-Projektes auch von der Zügigkeit der Verhandlungen abhängig macht. "Notfalls müssen wir den Abbruch verfügen", so Durnwalder. Als 1998 die Schlagbäume am Brenner entfernt wurden, hatte er betont, dass in zehn Jahren die Ortschaft Brenner umstrukturiert sein wird. "Das werden wir einhalten", so Durnwalder.
Kaufleuteverband: 04.09.2002 - Stellungnahme

Für "natürliches Einkaufen"
Unterstützung für Projekt "Raststätte Brenner" Bozen - Der Verband für Kaufleute und Dienstleister begrüßt das Vorhaben des Landes, das Projekt "Lebende Raststätte Brenner" durchzuführen, damit - wie Landeshauptmann Durnwalder meinte - "die Dörfer am Brenner nicht kaputt gehen". Laut Aussendung wolle der Verband "Revitalisierungsprojekte" dieser Art jederzeit unterstützen.
Das Vorhaben der Landesregierung bestärke den von Südtirol eingeschlagenen Weg, den Einzelhandel in den Ortszentren zu fördern und zu unterstützen. Für den Verband für Kaufleute und Dienstleister sei die Aufwertung des ehemaligen Grenzortes ein wichtiges Anliegen, wobei die "Revitalisierungsprojekte" die vollste Unterstützung erhalten werden. Die Kaufleute und Dienstleister vor Ort wollen ihren Beitrag dazu leisten und die Umsetzung aktiv mitgestalten.

Der Verband spricht sich dafür aus, am Brenner unter anderem einen Informationsschalter in Kombination mit dem Angebot Südtiroler Markenprodukte einzurichten. Durch die Realisierung der Autobahn-Ausfahrt würden der bestehende Ortskern und die Strukturen unterstützt. So kann dort ein natürliches Einkaufszentrum entstehen, betont der Verband für Kaufleute und Dienstleister.

NORDTIROL / Projekt (1) - (06.09.2002)

Brenner-Raststätte vor Realisierung Nordtirol: Projekt für Zollamtsplatz schon in Umsetzungsphase - Bank, Kiosk, Restaurant
Innsbruck (bl/hof) - Auf Nordtiroler Seite des Brenners soll eine Raststätte errichtet werden - sehr zum Ärger von Landeshauptmann Luis Durnwalder. Das Projekt ist aber bereits in der Umsetzungsphase. Mit den ersten Bauarbeiten soll bereits 2003 begonnen werden. "Unser Hauptanliegen ist, dass am Brenner genaue Kontrollen erfolgen", versucht Nordtirols Landeshauptmann Wendelin Weingartner die Wogen zu glätten.
Zur Erinnerung: Landeshauptmann Luis Durnwalder hatte sich in den "Dolomiten" strikt gegen eine Autobahn-Raststätte auf Nordtiroler Seite ausgesprochen (siehe auch untenstehenden Bericht). Nun wird aber doch ein umfassenderes Projekt verwirklicht, wie von Seiten der Alpenstraßen AG bestätigt wird.

Im Einvernehmen mit dem Bundesland Tirol und dem österreichischen Straßenbetreiber Asfinag wurden verschiedene Varianten für eine Nachnutzung des Zollamtsplatzes auf Nordtiroler Seite der Brennerautobahn geprüft. Variante "1b" wird nun realisiert, präzisiert der Techniker und Abteilungsleiter bei der Alpenstraßen AG in Innsbruck, Martin Kirchmair.

Wichtigstes Projekt dieser Variante ist eine ständige moderne Verwiegemöglichkeit für die Lkw, die von Südtirol nach Nordtirol einreisen. "Hier brauchen wir auch einen entsprechenden Stauraum, damit es keinen Rückstau bis in den Grenztunnel gibt", ergänzt Kirchmair. Nach der Verwiegung wird eine Parkfläche für jene Lkw benötigt, die von der Exekutive wegen zu hoher Beladung bzw. bei zugleich festgestellten technischen Mängeln herausgeholt werden.

Weiters wird ein "kommerzieller Teil" geschaffen. Errichtet wird eine Tankstelle mit zwei Lkw- und vier Pkw-Zapfsäulen und ein Tankstellen-Shop. Hinzu kommen Parkplätze, ein Kiosk, eine Bankstelle, ein Infoschalter und ein Restaurant samt Toilettenanlagen. "Das ist ein Konzept, wie es in Österreich bei größeren Parkplätzen mit Tankstellen üblich ist", meint Kirchmair. Vorgesehen ist auch eine direkte Fußgängerüberquerung der Autobahn. Für jene Lkw, die Richtung Süden fahren, wird es bis zum 1. Jänner 2004 eine weitere Kontrollstelle geben. Um das bis dahin eingeführte Lkw-RoadPricing überprüfen zu können, wird es vor dem Grenzübertritt nach Italien eine elektronische Mautkontrolle geben.

Zum Ablaufplan: "Wir gehen jetzt in die detaillierte Planungsphase über und erstellen einen Ausschreibungsplan", sagt Kirchmair. Mit den Bauarbeiten wird im Jahr 2003 begonnen. Rund sieben Millionen Euro sind für das Projekt veranschlagt, das phasenweise bis 2004 realisiert werden soll.
NORDTIROL / Projekt (2) - (06.02.2002)

"Innsbruck kann es noch verhindern"
Durnwalder: Werde mit Weingartner darüber reden - "Raststätte wäre Ruin für Dörfer"

Bozen/Innsbruck (hof) - "Nach meiner Auffassung kann der Bau der Raststätte verhindert werden - wenn Innsbruck es wirklich will", ist Landeshauptmann Durnwalder überzeugt. Das Land Tirol könne das Projekt noch immer zurückziehen. Er werde deshalb mit dem Nordtiroler Landeshauptmann Wendelin Weingartner noch einmal darüber reden.
Landeshauptmann Luis Durnwalder (im Bild) weiß, dass die Pläne zur Realisierung der Raststätte bereits weit gediehen sind. Trotzdem wird er sich weiterhin vehement gegen das Projekt stemmen. "Es würde den Tod des Brenners bedeuten - auf beiden Seiten", ist Durnwalder überzeugt. Niemand würde mehr ausfahren und in den Dörfern einkehren, wenn es bereits an der Autobahn eine Raststätte gibt, wo man in Gastlokalen, Restaurants und in einem Einkaufsbereich alles bekommt.

Auch habe es keinen Sinn, auf der einen Seite im Rahmen des Interreg-Programmes Geld auszugeben für die Valorisierung des Brenners, und auf der anderen Seite ein Raststätten-Projekt zu verwirklichen. Durnwalder erinnert weiters daran, dass es auch auf Nordtiroler Seite Gegner des Projektes gibt - zum Beispiel die Gemeinde Gries am Brenner.
Neue Südtiroler Tageszeitung
Fr 30.8.2002 Nr. 173

Brenner, Kultur ohne Grenzen

Ein Gespenst geht um in den grenzenlosen Köpfen: der Brenner. Er geistert durch Konzeptpapiere von Politikern und erscheint unversehens in Plänen von Strukturplanern. Doch was tun mit einem Ort, der auf dem Müll der Geschichte gelandet ist? Um diese Frage kreist die dreitägige Veranstaltung "Brenner, Kultur ohne Grenzen". Zeitzeugen, Künstler und Historiker werden die Geschichte des Brenner in einem vom Kuratorium für Technische Kulturgüter und dem Kulturverein Lurx organisierten, multimedialen Event noch einmal Revue passieren lassen.

Von Heinrich Schwazer

Gründe für Nostalgie gäbe es zuhauf. Der kleine Grenzverkehr an der "Unrechtsgrenze" - die Südtiroler kauften drüben Bananen und Benzin, die Tiroler deckten sich hüben mit Pirellipatschen, Mortadella und Kalterersee Spezial ein - hat den Wohlstand des Wipptals auf beiden Seiten jahrzehntelang gesichert. Damals erforderte der Kick, ungefilzt über den Brenner zu kommen, eine bestimmte Intelligenz der Anpassung an die Beamtenmentalität, jetzt genügt eine gewisse Vorsicht vor der Radarfalle. Heute über den Brenner zu fahren ist wie über die eigene Schulter durch die Scheibe einer zugeschlagenen Tür zurückzuschauen. Seit Italien und Österreich am 31. März 1998 mit dem Inkrafttreten des Schengen-Abkommens die Grenzkontrollen am Brenner aufgehoben haben, ist der einst gefühlskontaminierte Ort in einem Jenseits der Leidenschaften beheimatet. Die Zollhäuser und die Polizei-Amtsräume rund um den Schlagbaum sind seitdem verwaist. Seine politische Symbolkraft und auch einen Großteil seiner wirtschaftlichen Bedeutung hat der Brenner völlig eingebüßt. Nach Abzug der "Grenzer" lebt in der Ortschaft nur noch eine Handvoll Menschen. Trotz der optimistischen Aufrufe nach dem Fall der Schlagbäume - "jetzt wächst zusammen, was zusammengehört" - leben die Menschen weiterhin ganz heimisch auf der einen oder anderen Seite. Und noch immer ist es hier weniger als anderswo ein Problem, von außerhalb zu kommen, ein Zugezogener zu sein, ein Fremder. Das waren hier irgendwann die meisten selbst. Die Aufhebung der Grenze schafft die Grundlage für eine neue Konzentration auf diesen Ort, und einmal mehr wirken Künstler als Vorhut. Der Geschichts-Müll wird zum Rohstoff der Kunst, aus dem Weggeworfenen wird Neues und Eigenes. Nicht aus nostalgischen Gründen, nicht als Klage über einen Verlust, sondern als Ausdruck künstlerischer Ortsergreifung, in dem auch die Wiederkehr des Entsorgten mitgedacht ist. Mit Blick auf den bevorstehenden Fall der EU-Ostgrenzen, der weitere Schlagbäume überflüssig machen wird, lassen Künstler, Zeitzeugen und Historiker den Brenner mit seinen Zollhäusern, seinen Polizeistationen und seinem Grenzbahnhof am Wochenende vom 30. August bis zum 1. September 2002 noch einmal aufleben.

Geboten werden Kunstaktionen, Führungen, Zeitzeugenberichte, historische Filmeinspielungen, Musik, Information und Unterhaltung. Veranstalter des grenzübergreifenden multimedialen Kultur-Events, das zur Aufwertung der Brennerregion beitragen will, sind das Kuratorium für technische Kulturgüter (Bozen), die Gruppe "Lurx - Verein für Kunst und Kultur am Brenner" und die Gemeinde Brenner Gossensaß in Zusammenarbeit mit anderen ehrenamtlichen Kultureinrichtungen und öffentlichen Institutionen. In ihrer kulturellen Intention knüpft die Veranstaltung an das Interreg-Projekt "Technische Kulturmeile Nord/Süd" an, für das am Brenner der offizielle Startschuss fallen wird. Ein weiteres Interreg-Projekt sieht die Schaffung eines musealen Ortes im ehemaligen österreichischen Zollhaus unter dem Motto "Tirol und Südtirol unter einem Dach" vor.

Das Programm

Kunst und Künstler an der ehemaligen Grenze
"Schubhaft" nennt sich das Kunstprojekt des Tirolers Franz Wassermann in den einstigen Amtsräumen der italienischen Staatspolizei mit Blickkontakt zum österreichischen Zollhaus. Die dort ausgestellten Terrografien von Ekkeland Götze aus München sind mit Erde aus dem Norden und dem Süden gearbeitet. Valentin Goderbauer, München, hat sich für seine Installation "Was bleibt, ist die Erinnerung" die Grenzabfertigungskabine ausgesucht, wo noch heute anlässlich außerordentlicher Ereignisse wie dem G8-Gipfel Personalausweise und Pässe kontrolliert werden. Der Südtiroler Aktionskünstler Matthias Schönweger hinterfragt die Symbolik der Grenzen in seiner Arbeit "Der Stoff, aus dem die Fahnen sind". Die Gruppe "Lurx - Verein für Kunst und Kultur am Brenner" stellt sich mit einer Gruppenausstellung vor. Bei der akustischen Performance "Sadobre" im ehemaligen österreichischen Zollhaus fließen der Live-Vortrag eines Textes und vorproduzierte Einspielungen ineinander. Autor ist der aus Südtirol stammende und in Berlin lebende Toni Bernhart. Die verschiedenen Inputs überlagern sich bei diesem Experiment mehrfach, die Ton- und Klangregie liegt bei Dirk Schwibbert aus Berlin. Unter dem Titel "scalini 84 Stufen" laden der Südtiroler Peter Kaser (der auch das Plakat des Kulturevents entworfen hat) und Hans Winkler aus Berlin an einen Kunstort rund um einen Wasserfall und eine ehemalige Bunkeranlage. Hier ist außerdem eine literarische Installation von Kurt Lanthaler (2001) zu sehen. Der Meraner Franz Pichler eröffnet am 21. September um 16.00 Uhr im Rahmen von "scalini 84 stufen" eine Installation unter dem Titel "anschluss-coincidenza". Grenz/Erfahrungen, eine filmische Zeitreise Filmclub Bozen und Cinematograph Innsbruck führen die Geschichte des Grenzüberganges in Filmdokumenten vor, darunter historische Wochenschauaufnahmen vom Treffen Hitler-Mussolini am 18. März 1940. Projiziert wird auf die Fassade der italienischen Polizeikaserne.

Alltagsgeschichte: Grenzer erinnern sich Ehemalige italienische und österreichische Zollbeamte, Grenzpolizisten und Eisenbahner erzählen von ihrem Dienst am Brenner. Das verlassene italienische Zollhaus, das einem Auffangparkplatz weichen soll, bietet ein eindrucksvolles Ambiente für diese Zeitzeugenberichte. Wie sich der Alltag am Grenzbahnhof abspielt, führt der italienische Eisenbahner-Freizeitverein bei einem Schnuppertag vor. Außerdem können die Besucher den am Brenner immer noch obligaten Lokwechsel miterleben.

"Brennerwürstel" und "pasta e fasoi"
Der Halt beim Würstelstand ist für Brenner-Liebhaber genauso selbstverständlich wie ein Teller pasta und ein Glas Wein, bevor die Reise weitergeht. Die Wirte und Kaufleute vom Brenner servieren ihre Spezialitäten zum Selbstkostenpreis. Organisiert wird dieses ganztägige Buffet vom italienischen Alpenverein CAI.

Musik
Ein Open Air an der ehemaligen Staatsgrenze bildet am Freitag, 30. August, ab 18.00 Uhr den Auftakt zum Brenner-Event. Live-Musik, Unterhaltung und künstlerische Einlagen werden von der Sterzinger Gruppe Juvenilia geboten. Tags darauf laden Alex Trebo und Bruno Zucchermaglio zu einem Musikprojekt ein, das ebenfalls um das Thema Grenze kreist.

Führung auf den Spuren des historischen Brenner-Tourismus
Die Veranstaltung endet am Sonntag, 1. September, mit einer Tour auf den Spuren des historischen Panorama- und Badetourismus am Brenner. Die Ausblicke dieses "Tores zum Süden" erlebt man entlang der inzwischen
stillgelegten Eisenbahnstrecke von anno 1867. Der Lokalhistoriker Günther Ennemoser leitet diese Führung mit abschließendem Besuch von typischen Brenner-Gasthäusern im Hinterland der Grenze.

Familientipp
31.8.02, ab 15.00 Uhr, Schnuppertag am Bahnhof Brenner, angeboten vom Eisenbahnerfreizeitverein/Dopolavoro ferroviario zum Kennenlernen des Alltags am österreichisch-italienischen Grenzbahnhof auf über 1.300 Seehöhe,
u.a. mit: Blick in die Fahrdienstleitung, Besuch im Stellwerks-Turm, Lokwechsel, der wegen des unterschiedlichen Stromsystems Österreich/Italien noch immer obligat ist, Demonstrationsfahrt einer Verschublok ... Geführt wird in Gruppen von 15.00 bis 20.00 Uhr, Eltern haften für ihre Kinder.
Auskünfte: Eisenbahnerfreizeitverein/Dopolavoro ferroviario, Präsident Rudi Plank

Brennergrenze (Computerprint von Peter Kaser): Der einst gefühlskontaminierte Ort ist heute in einem Jenseits der Leidenschaften beheimatet
Neue Südtiroler Tageszeitung
Dienstag, 3. September 2002 - Nr. 175/10. Jg.

Am Brennerstrand
Bröckelnde Fassaden, Schmugglervergangenheiten und Plastiksoldatenmassaker: Zum Wochenende trafen
sich am Brenner Politiker und Künstler um über die Zukunft des Ortes nachzudenken.

Von Heinrich Schwazer

Kunst kann sich nur zwecklos nützlich machen und meist ist auf sie kein Verlaß. Während die zahlreich eingetroffenen Politiker am Brenner zwischen bröckelnden Fassaden noch über die Segnungen der aufgehobenen Schlagbäume und ihre eigene Schmugglervergangenheit schwadronierten, laborierte ein paar Meter weiter der Meraner Künstler Matthias Schönweger schon eifrig an der Demontage der Sonntagsreden. Im Schatten des "Fungo" leerte er seinen Rucksack mit Tirolensien, Peitschen und einen Haufen Kriegsspielzeug aus Plastik aus. Rund um seinen Russenflohmarkt baute er kleine Elektrokocher auf, legte sich einen Messmantel um und segnete seine Soldaten mit reichlich Weihrauch. Danach verheizte er sie buchstäblich und unter grauenhaftem Gestank und ebenso süßen Heimatklängen von einem 60er-Jahre-Grammophon auf den heißen Herdplatten. Schönwegers Plastiksoldaten-massaker beim vom Kuratorium für Technische Kulturgüter und dem Wipptaler Kunst- und Kulturvereins Lurx organisierten Brennerevent "Brenner, Kultur ohne Grenzen" vom vergangenen Wochenende war
nicht der einzige künstlerische Kontrapunkt zu der seit dem Schengen-Abkommen gebetsmühlenhaft behaupteten Grenzenlosigkeit Europas. Auch der Tiroler Künstler Franz Wassermann entlarvte mit seiner Installation "Schubhaft" das zur Festung umgebaute grenzenlose Europa. Mit notdürftigen Zelten, Plakaten und toppschildern errichtete Wassermann, der seit 2001 öffentliche Orte in Österreich für Menschen in Schubhaft besetzt, in einem Zubau zu den Amtsräumen der italienischen Staatspolizei mit Blickkontakt zum österreichischen Zollhaus, einen symbolischen Schutzraum vor Verfolgung, Vertreibung, Vergewaltigung, Mord oder wirtschaftlicher Ausweglosigkeit. Ironischer ging es Valentin Goderbauer aus München an. Er zeigte im "Fungo" eine Erinnerungsarbeit aus Heizradiatoren in den deutschen Nationalfarben und grünweißroten Badetüchern, die unterm Dach zum Trocknen ausgehängt waren. Botschaft: Österreich gab es in der bundesdeutschen Touristenperspektive nicht und am Brenner beginnt der Strand. Wunderbar sarkastisch brachte das Künstlerduo "Kraxentrouga Artbrothers", vulgo Armin Mutschlechner und Luis Seiwald, den Befund auf den Punkt, dass auch am Brenner trotz aufgehobener Schlagbäume ein real existierendes Grenz-Gefühl überlebt hat. In einer Fotoarbeit mit dem dialektalen Titel "Grenzen-lous´n" lauschen die beiden mit dem Kopf auf den Geleisen der "Grenzenlosigkeit" nach. In den restlichen Arbeiten war von der schmerzhaften Ruptur, die diesen Ort von seiner Geschichte trennt, wenig zu spüren. Ekkeland Götze aus München zeigt im österreichischen Zollhaus seine Terragrafien, mit denen er auf sehr poetische Weise die unterschiedlichen kulturellen, geologischen oder politischen Bedeutungen der Orte in eine objektiven Form zu bringen versucht. Die monochromen Blätter, deren Erden er am Amazonas und in den USA entnommen hat, hängen auf einer Wäscheleine und können nur durch die Fenster betrachtet werden. Wer um das Gebäude herumgeht, begibt sich quasi auf eine Reise von Norden nach Süden. Wenig bis gar nicht haben sich die Künstler der lokalen Künstlergruppe vom Verein Lurx mit den konkreten Gegebenheiten des Brenners auseinandergesetzt. Karl Volgger, Johannes Stötter, Robert Engl , Damir Lukic, Pepi Seidner und Christoph Volgger benutzten die Räume schlicht als Galerie. Als Hinweis, dass es im Wipptal wenig bis keine Gelegenheiten zum Austellen gibt, mag das genügen, aber mehr als Dekoration war das nicht. Eine verpasste Gelegenheit.

Was bleibt vom Brennerevent? Die Erkenntnis, dass nach dem Grenzsterben von der Grenze die Grenzkultur bleibt, die ihrem musealen Charakter nur durch Events entgehen kann? Der Politik dauert der Abschied von der Grenzfolklore sowieso schon zu lang und man entwirft bereits "lebendige Raststätten". Die Erinnerungsarbeit bliebe damit der immobilen Hinterlassenschaft. Sofern sie
überlebt.
Neue Südtiroler Tageszeitung
Mi 4.9.2002 Nr. 176

Schmuggler unter sich
Ein bisschen Nostalgie nach der Grenze hat die Grenzenlosigkeit doch noch übrig gelassen - zumindest die Nostalgie nach dem Adrenalinstoß beim Schmuggeln. Seit dem Schengen-Abkommen ist von diesem Kick bekanntlich nur mehr die Furcht vor der Radarfalle übrig geblieben und bei den ehemaligen Grenzgängern die Lust, alte Schmugglergeschichten zu erzählen. Die ideale Gelegenheit dafür bot das Brennerevent vom vergangenen Wochenende und diese wurde von den zahlreichen Politikern auch weidlich genutzt. Von Landesrat Bruno Hosp, über Michl Laimer bis Ferdinand Eberle outeten sich alle freimütig als ehemalige Kleinschmuggler.
Österreichische Medien
Kronenzeitung vom 31.8.2002-09-13

Internationale Künstlerschar stellt heute und morgen in den Ex-Zollhäusern aus

Grenze um Grenzen zu verschieben

Der Brenner - Symbol der Trennung von Nord- und Süd, Tor zu Italien und mittlerweile Geschichte und Grenzruine. Um diesen besonderen Ort wieder etwas in den Mittelpunkt zu stellen, inszeniert der Verein LURX heute und morgen ein sehenswertes Kultur-Event. An der Grenze soll Kunst helfen, (geistige) Grenzen zu verschieben.
Das Zusammenspiel der verschiedenartigsten Bauten und seine Geschichte machen das besondere Flair des Brenners aus. Aber niemand weiß, was mit diesem besonderen Ort geschehen soll. "Auch wir bieten keine Lösungen an", gesteht Initiator Peter Kaser, Künstler aus Gossensass und Präsident des Vereines LURX, "aber wir wollen, dass man ein wenig über die Situation sinniert, im positiven Sinn".
Internationale Künstler - vom Dresdner Ekkeland Götze über den Münchner Valentin Goderbauer bis zum Innsbrucker Franz Wassermann und dem Meraner Matthias Schönweger - zeigen in den seltsam wirkenden Räumlichkeiten ihre Arbeiten. Das Event steigt heute und morgen - die Ausstellung von Ekkeland Götze ist einen Monat zu sehen.

SL. Ruef
Bezirksblatt vom 4. September 2002 - Tamara Kainz Seit das Schengen-Abkommen 1998 in Kraft getreten ist, ist aus den ehemals florierenden Handels- Wirtschafts- und Verkehrstummelplatz Brenner ein relativ ruhiger Ort geworden. Einen Beitrag dafür, dass das Grenzdorf nicht "ausstirbt" liefern jetzt Kulturinitiativen des nördlichen und südlichen Wipptals. Unter dem Motto "Kultur ohne Grenzen" oder "Senza Confini" wurden vergangenes Wochenende Kulturinstallationen in den ehemaligen Zollhäusern eröffnet.

Künstler, Zeitzeugen und Historiker versuchen also, den Brenner mit seinen Zollhäusern, seinen Polizeistationen und seinem Grenzbahnhof wieder aufleben zu lassen. Veranstalter des grenzübergreifenden, multimedialen Kultur-Events, das zur Aufwertung der Brennerregion beitragen soll, sind das Kuratorium für Technische Kulturgüter (Bozen), die Gruppe "Lurx - Verein für Kunst- und Kultur am Brenner" und die Gemeinde Brenner Gossensass in Zusammenarbeit mit dem Leader+ Verein Wipptal.

Brenner soll revitalisiert werden
Leader + Beauftragter Mag. Josef Baumann erwartet sich von dieser Neuheit so einiges: "Ich könnte mir vorstellen, dass man auf diesem Areal mehrmals jährlich Kulturveranstaltungen durchführt. Das Einzugsgebiet ist meiner Meinung nach ein großes. Es reicht von Innsbruck bis Bozen. Der Brenner soll mit derartigen Projekten belebt und revitalisiert werden." Der offizielle Startschuss ist also gefallen, namhafte Künstler stellen bereits einige ihrer Exponate in den Zollhäusern aus. Unter riesigem Medieninteresse haben auch zahlreiche Politiker ihre Unterstützung und Anerkennung für dieses Kulturprojekt bekundet.

Grenzen aus dem Kopf verbannen.
LH-Stv. Ferdinand Eberle, italienische Landesräte sowie die Bürgermeister Christian Ehgartner (Brenner-Gossensass) und Willi Schöpfer (Gries) - sie alle waren sich einig: "Die Ausstellungsräume bilden eine Bereicherung für den Grenzort. Man muss endlich lernen, ohne Grenzen zu leben, diese Richtung ist also die richtige und ein erster Schritt, die Grenze aus dem Kopf zu verbannen."

Der Meraner Aktionskünstler Matthias Schönweger sorgte auch am Brenner für Aussehen. Sein inhaltsreiches "Projekt" anlässlich der Eröffnung nannte sich "Fahnenflucht".

Bezirksblatt vom 28.08.2002 KULTUR ohne GRENZEN
Am 30.8., 31.8. und 1.9. 2002 findet am Grenzübergang Brenner ein multimediales Kulturevent statt, bei dem der Regionalentwicklungsverein Wipptal als Veranstaltungsträger beteiligt ist.
Was nun mit Grenzübergängern, die ausgedient haben? Mit Inkrafttreten des Schengen-Abkommens haben Italien und Österreich am 31.8.1998 die Grenzkontrollen am Brenner aufgehoben. Die Zollhäuser sind seitdem verwaist. Warum sie nicht als Veranstaltungsort der etwas anderen Art verwenden.
"Schubhaft" nennt sich das Kunstprojekt von Franz Wassermann in den Amtsräumen der italienischen Grenzpolizei, Ekkeland Götze aus München stellt dort seine Terrografien aus. Er hat sich für seine Installation "Was bleibt, ist die Erinnerung" die Grenzabfertigungskabine ausgesucht, der Aktionskünstler Matthias Schönweger hinterfragt die Symbolik der Grenzen in seiner Arbeit "Der Stoff, aus dem die Fahnen sind", uva.
Die Kunstaktionen werden vom Historiker Hans Heiss, vom Kulturpublizisten Heinrich Schwazer und von der Kunstkritikerin Edith Schlocker präsentiert.
Die Veranstalter freuen sich auf zahlreiche Besucher.
Donnerstag, 29.08.2002 CHRONIK KURIER 10
von Isolde Zwerger
Was tun mit Grenzübergängen die ausgedient haben? Mit In-Kraft-Treten des Schengen-Abkommens wurden am 31. März 1998 auch die Grenzkontrollen am Brenner aufgehoben. Seither -nach Abzug der „Grenzer“ - leben in der Ortschaft nur noch eine Hand voll Menschen. Das soll sich aber bald ändern - auch wenn es nur für ein Wochenende ist.
MULTIMEDIALER EVENT Vom 30. August bis zum 1. September wollen Künstler, Zeitzeugen und Historiker - auch mit Blick auf den bevorstehenden Fall der EU-Ostgrenzen - den Brenner mit seinen Zollhäusern, Polizeistationen und dem Grenzbahnhof noch einmal aufleben lassen.
Für den multimedialen Kulturevent „Kultur ohne Grenzen / Cultura senza Confini“ hat eine internationale Künstlerschar das Thema Grenze aufgegriffen und wird nun am kommenden Wochenende mit Installationen und Aktionen die verschiedensten Assoziationen bei den Besuchern wecken.
Dass Grenzverschiebungen immer weitere Grenzverschiebungen und damit Kriege zur Folge haben, will etwa der Meraner Matthias Schönweger - zum Auftakt der Veranstaltung - mit seiner Installation „Der Stoff, aus dem die Fahnen sind“ zum Ausdruck bringen.
„SCHUBHAFT“ Der Innsbrucker Franz Wassermann präsentiert sein Projekt „Schubhaft“: Seit dem 6. Dezember 2001 besetzt er - symbolisch - für Menschen, die sich in Schubhaft befinden, öffentliche Räume. Aber auch Ekkeland Götze, Valentin Goderbauer und Toni Bernhart setzen künstlerische Signale.
Peter Kaser und Hans Winkler haben den Kunstort „scalini 84 stufen“ angelegt. In dieses Projekt haben die beiden Künstler einen Wasserfall und eine ehemalige Bunkeranlage, deren Schießscharten auf den Brenner zielen, mit eingebaut. Der Südtiroler Krimi-Autor Kurt Lanthaler will - mit einer literarischen Installation - dazu eine Brücke schlagen.
Bevor am Samstag um 10.30 Uhr die Veranstaltung offiziell eröffnet wird, darf bereits am Freitag ab 18 Uhr mit einem Open Air, Graffiti-Kunst und Buffet gefeiert werden.
Tiroler Tageszeitung
Aufwertung des Brenners

Wie kann der Brenner aufgewertet werden?


BRENNER (ea). Darum ging es am Wochenende in einer Veranstaltung am Brenner, organisiert vom Südtiroler Kuratorium für technische Kulturgüter und der Kunstgruppe Lurx. Vor allem eine museale Nutzung der ehemaligen Gebäude von Polizei- und Zollwache wird immer wieder angeregt. So soll laut Willi Schöpfer, Bürgermeister von Gries a.Br., im Rahmen eines EU-Projekts im österreichischen Zollhaus ein Museum für Moderne Tiroler Kunst eingerichtet werden. LHStv. Ferdinand Eberle und der Südtiroler Kultur-LR Bruno Hosp betonten ihre Hoffnung, die beiden Brenner-Gemeinden mögen noch enger zusammenwachsen.

2002-09-01 19:47:54
Tirol Online Der verwaiste Brenner als musealer Ort
Über Möglichkeiten einer Aufwertung der verwaisten Grenze machte man sich im Rahmen einer Kulturveranstaltung am Brenner Gedanken.

Von ELMAR AUSSERER

BRENNER. Nach dem Inkrafttreten des Schengen-Abkommens haben Österreich und Italien am 31. März 1998 die Grenzkontrollen am Brenner aufgehoben. Die Gemeinde Brenner ist seitdem in eine Art Dornröschenschlaf versunken. Ein Großteil der Bevölkerung am Brenner ist abgezogen, und die Zollhäuser und Amtsräume der Polizei rund um den Schlagbaum sind seitdem verwaist.

Kultur ohne Grenzen

Der Brenner Wochenmarkt, früher ein fixer Termin für die Grenzgänger aus Nordtirol, führt seit der Euro-Einführung ein Schattendasein. Der Wein und die Äpfel, welche die Italienurlauber am Grenzübergang mit den letzten Lire-Scheinen ausgegeben haben, kosten heute in Innsbruck gleich viel wie am Brenner. Die politische Symbolkraft der "Unrechtsgrenze" ist heute fast unsichtbar geworden.
Das Kuratorium für technische Kulturgüter aus Südtirol und die Kunstgruppe "Lurx" haben am vergangenen Samstag und Sonntag in einer grenzenübergreifenden Veranstaltung "Kultur ohne Grenzen" am Brenner das Thema Grenze noch einmal aufgegriffen und auch Anregungen für eine mögliche Aufwertung der Brennerregion gegeben. Schon seit Jahren wird darüber diskutiert, wie man die ehemaligen Gebäuden der Polizei- und Zollwache nutzen kann.

Erinnerungen

Vor allem eine museale Nutzung der Gebäude wurde immer wieder angeregt. So soll laut Willi Schöpfer, BM von Gries am Brenner, im Rahmen eines Interreg-II-Projekts im aufgelassenen österreichischen Zollhaus ein Museum für Moderne Tiroler Kunst eingerichtet werden. Noch nicht so ausgereift sind die Pläne hingegen für das aufgelassene Zollhaus auf italienischer Seite. Ein Abriss ist des völlig verwaisten Hauses wird daher immer wahrscheinlicher.

Die Zeit vor der Beseitigung des Schlagbaumes beschrieben Zeitzeugen wie der österreichische Gemeindearbeiter Josef Pitterl und der italienische Kaufmann Primo Sief. Ihre zum Teil wehmütigen Erinnerungen würzten sie mit einigen amüsanten Anekdote. In den ehemaligen Zollgebäuden waren Kunstinstallationen von Franz Wassermann, Ekkeland Götze und der Wipptaler Kunstgruppe "Lurx" eingerichtet.
Ein Happening von Matthias Schönweger vor dem ehemaligen italienischen Zollhäuschen, der Kriegsspielzeug verbrannte, lenkte die Aufmerksamkeit der vorbeifahrenden Urlauber auf sich.

Weitersurfen

Das Brennerevent im Internet:


Die Seite rund um die Veranstaltung: Brennerevent online
Das Echo der Presse war enorm - hier gehts zu den Artikeln: Was die Presse schrieb
Die beteiligten Künstler und Partner: http://www.hallo.com/brennerevent/partner.htm
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