12/10/2005

Grenzpfarre Brenner

Allen Unkenrufen zum Trotz: Ein einziger langer Oktobertag am Brenner bewies, dass der Grenzort eine lebendige Raststätte ist, die soziale Akzente setzt. Unter dem Motto „Grenzpfarre Brenner - grenzüberschreitende Zusammenarbeit - ein Pionierbeispiel - gestern heute morgen“ wurde am Samstag, 4. Oktober 2003 der Brenner gefeiert, mit Zeitzeugenbegegnungen, Gesprächen, Filmbeiträgen und Führungen.

    Chronologie
Die Initiative fand im Rahmen des interregIII-Projekts, in Zusammenarbeit mit der Pfarre Brenner-Gossensass, dem Eisenbahnerfreizeitverein, der CAI Sektion Brenner, des Leaderbüros Wipptal, der Gemeinde Brenner-Gossensass und der Gemeinde Gries am Brenner statt.
    Grenzüberschreitungen
Die Pfarre Brenner ist durch ihr grenzüberschreitendes Einzugsgebiet ein europaweites Kuriosum. Sie verbindet Weiler auf der österreichischen Seite (Fennberg, Griesberg und Kerschbaum) mit Talschaften auf italienischer Seite. Und damit verbindet sie auch ihre Bevölkerung: Menschen unterschiedlicher Sprache, Kultur und Nationalität.
    Grenzerfahrungen
Am Brenner, dem niedrigsten Übergang der Alpen und der „heißesten Grenze Europas“, haben nicht nur Handel floriert und Zolleinnahmen die Kassen gefüllt. Menschliche Schicksale haben hier ihren Wendepunkt erfahren: einzelner, aber auch ganzer Generationen. Ein Beispiel davon ist die bosnische Familie Durakovic, die 1992 den Brenner vorerst als Endstation kennen lernte.
    Grenze im Kopf
Der Grenzort hat sich nur auf erstem Blick nur oberflächlich gewandelt. Wirtschaftlich durch den Wegfall der Kontrollen und durch den gigantischen Abbau des Personals, später auch durch den Wegfall des Geldwechsels. Architektonisch gar nicht. Und sozial kaum, zumindest nicht im Umgang miteinander.
    Ganz persönlich
Erinnerungen an den Brenner, Assoziationen und Gefühlsstimmungen sind überlagert vom Gedanken an die Grenze und an rauhe klimatische Verhältnisse. Wer den Brenner nur von der Durchfahrt kennt oder sich zu einem kurzen Zwischenstopp entschließt, lernt ihn meist von seiner unwirtlichen Seite kennen. Aber ein zweiter Blick verrät...
    Geisterdorf
War der Brenner vor 1918 Ort der Rast und Einkehr bzw. des Durchzugs an der wichtigsten Transitstrecke Europas, zeigt sich der Pass heute als vom Aussterben bedrohtes, nachtsüber beinahe leer gefegtes Dorf. Seine Einwohner, die Zurückgebliebenen, stecken in einer Identitätskrise, wollen aber weg vom Image des Geisterdorfes.
    Zukunftsaussichten
Rettet den Brenner: Die Faszination Brenner, das Aushängeschild der Gegend, ist ein Produkt der architektonischen Bauten, der Grenzlandschaft und des unwiderstehlichen Nord-Süd-Verbindungscharakters. Die Suche nach zündenden Ideen für eine wirtschaftlich rentable und politisch vertretbare, auf Konsens bauende Lösung hat erst begonnen.
    Herzensanliegen
Der Brenner ist eine, wenn nicht DIE zentrale, Drehscheibe auf der Nord-Süd-Verbindungs- und Transitstrecke und gehört damit zum interregIII-Projekt „Technikkulturmeile Nord-Süd“ des Kuratoriums für technische Kulturgüter, das sich für die Erhaltung, Sanierung und Neunutzung von Orten, Ensembles und Objekten längs der Fahrradtrasse Innsbruck-Trient einsetzt.
    Geschichte
Ein geschichtlicher Abriss in Stichworten
über den niedrigsten Alpenübergang vom europäischen Norden in den europäischen Süden.
    Grenzgänge
Was tun mit Grenzübergängen, die ausgedient haben?
Mit Inkraftreten des Schengen-Abkommens haben Italien und Österreich am 31. März 1998 die Grenzkontrollen am Brenner aufgehoben. Die Zollhäuser und die Polizei-Amtsräume rund um den Schlagbaum sind seitdem verwaist. Der Pass auf 1.372 Meter Seehöhe wurde mit dem Anschluss Südtirols an Italien zum Grenzübergang. Kurz vor Italiens Eintritt in den Zweiten Weltkrieg trafen sich hier die Diktatoren Hitler und Mussolini.

Seine politische Symbolkraft und auch einen Großteil seiner wirtschaftlichen Bedeutung hat der Brenner inzwischen eingebüßt. Nach Abzug der "Grenzer" lebt in der Ortschaft nur noch eine Handvoll Menschen.

Chronologie

GRENZPFARRE BRENNER


Die grenzüberschreitende Pfarre Brenner, die Südtiroler und Nordtiroler Gemeintemitglieder zählt, ist ein kirchenrechtliches Unikat. Das Kuratorium für technische Kulturgüter hat die Grenzpfarre Brenner am 4. Oktober 2003 zu einem Pionierspiegel werden lassen. Brenner, das ist bewegte Geschichte. Brenner, das war für viele Flüchtlinge nicht Endstation, sondern Start in ein neues Leben.

Mit Zeitzeugenbegegnungen und einem Tag der offenen Tür wollte das Kuratoirum Rückschau halten und einen Blick in die Zukunft werfen. Es gab Filmvorführungen, Einblicke in die Pfarrchronik, Politiker, die mit Akteuren über die Möglichkeit diskutieren, das historische Kernensemble am Brenner zu adaptieren.

Neugierig? Dann steigen Sie ein...
Tag der Offenen Tür am Brenner, eine Chronologie
Der Erfolg des letztjährigen Kulturevents am Brenner hat das Kuratorium für technische Kulturgüter erneut bewogen, die ersehnte Revitalisierung des ehemaligen Grenzübergangs anzukurbeln. Eine allseits gewünschte Belebung, die das architektonisch wertvolle Kernensemble erhalten und den historischen Charakter des Brenners als kulturelle Drehscheibe unterstreichen soll.

Die Initiative fand im Rahmen des interregIII-Projekts „Technikkulturmeile Nord/Süd“ in Zusammenarbeit mit der Pfarre Brenner-Gossensass, dem Eisenbahnerfreizeitverein, der CAI Sektion Brenner, des Leaderbüros Wipptal, der Gemeinde Brenner-Gossensass und der Gemeinde Gries am Brenner statt.
Den Akzent auf das grenzüberschreitende Zusammenspiel und Mitwirken dies- und jenseits der Grenze setzten der Bürgermeister der Gemeinde Brenner-Gossensass, Christian Egartner (vierter von links), der österreichische Kollege der Gemeinde Gries am Brenner (rechts davon), Willi Schöpfer, wie dessen Stellvertreter, Helmut Gassebner (rechts davon).
Nachdenken über den Brenner
Die „heißteste Grenze Europas“: Was hat sich hier abgespielt? Die Tragödie des Zweiten Weltkriegs, die Abschottung der italienischen Staatsgrenze nach den Südtiroler Bombenattentaten der 60er Jahre, aber auch das Schicksal von Grenzgängern, Wirtschaftsflüchtlingen und Menschenschmuggler-Opfern in jüngerer und jüngster Zeit. Dennoch wurde und wird hier grenzüberschreitende Zusammenarbeit schon lange vor dem offiziellen Fall des Schlagbaums durch das Schengen-Abkommen praktiziert: im Kindergarten, im Vereins- und im gemeinsamen Pfarrleben.
Der charismatische Brenner-Pfarrer Hugo Senoner - im Bild vor aufmerksamer Zuhörerschaft - sparte nicht mit persönlichen Erfahrungsberichten und Kommentaren und plädierte für eine Lancierung des Brenners als Symbol europäischer Einheit. Er arbeitete von 1990 bis 1997 als Grenzpfarrer am Brenner.

Das Plakatbild der Veranstaltung am 4. Oktober 2003:
Auf den Tag genau 63 Jahre zuvor, am 4. Oktober 1940, schüttelten sich Hitler und Mussolini am Bahnhof Brenner auf Gleis sieben die Hand. Diesmal sollten an diesem Schauplatz Impulse für die Zukunft des Grenzorts ausgehen. Im Pfarrsaal der Brenner Pfarrkirche „Maria am Wege“, mitten im Dorfkern, ließ man mit originalen Filmdokumenten des Istituto Luce, mit Filmbeiträgen der Rai-Journalistin Sandra Bortolin über den Alltag am Brenner, mit persönlichen, teils sehr bewegenden Erzählungen und Anekdoten aus der Pfarrchronik die Vergangenheit des Brenners Revue passieren. Das Evozieren vieler heiterer und auch tragischer Bilder vom Brenner skizzierte eine einzigartige Pfarrei, die in Europa ihresgleichen sucht.
War der Vormittag dem Aufrollen der Pfarrchronik und der historisch markanten Ereignisse des Brenners gewidmet, so befasste man sich am Nachmittag mit dem Grenzort als Schauplatz menschlicher Dramen, als Endstation und Neuanfang für Familien wie jene der Durakovic. Den 1992 an der Brennergrenze zurückgewiesenen bosnischen Flüchtlingen, Isetta Durakovic mit ihren zwei kleinen Töchtern, verhalf der damalige Grenzpfarrer Hugo Senoner zu einer neuen Existenz.

Vor der kunsthistorischen Führung durch die St. Valentinskapelle bot der Lokalhistoriker und Gemeindechronist Günther Ennemoser Einblick in die Geschichte des Orts Brenner, eine - wie sich herausstellte - emblematische Station, die an der früheren Kaiserstrasse erstmals unter der Herrschaft der Grafen von Tirol den Transitzoll kassierte. Besonderes Ambiente und Flair für Auswärtige hatte die Begehung des für Kunstzwecke adaptierten Kriegsbunkers, in dem Peter Kaser das Projekt „84 Treppen“ vorstellte.
Was aber am meisten die Gemüter bewegte, war und ist die Zukunft, die Aussichten eines historisch einzigartigen Dorfes auf der Suche nach einer neuer Identität. Und dieser Aspekt wurde in einer Abschlussdiskussion mit illustren Gästen (im Bild ganz links Wittfrieda Mitterer vom Kuratorium als Moderatorin), dem Tiroler Landeshauptmannstellvertreter Ferdinand Eberle (zweiter von links), SVP-Senatorin Helga Thaler-Ausserhofer (rechts), den Bürgermeistern von Brenner (dritter von links)und Gries am Brenner (Vizebürgermeister Gassebner ganz links), dem von Franzensfeste Hans Wild, dem Tiroler Lichtkünstler Dieter Bartenbach und dem Publikum heiß debattiert. Die Frage: Abriss oder Neunutzung des bestehenden architektonischen Gefüges? Die Suche nach zündenden Ideen für eine wirtschaftlich rentable und politisch vertretbare, auf Konsens bauende Lösung zeigte der den Willen, den Brenner als Ort der Zusammenkunft an der wichtigsten Transitstrecke Europas neu zu beleben. Ansatzweise wurden Vorschläge angedacht: Studentengarconnièren in dem verkehrstechnisch optimal angebundenen Dorf, ein Handelsplatz als Outlet-Variante oder ein museales Künstlerdorf. Eine Sanierung des architektonischen Kernensembles stand auf jeden Fall im Vordergrund, ebenso wie die Absicht einer Neunutzung, die diesen magischen Ort erneut mit Leben füllen soll.

Grenzüberschreitungen

Grenzüberschreitungen: die Grenzpfarre Brenner


Die grenzüberschreitende Pfarre Brenner-Gossensass mit Teilen der österreichischen Gemeinde Gries am Brenner ist eine Folge der Grenzziehung 1918 nach dem ersten Weltkrieg und 1919 des Vertrags von St. Germain. Als Grenzpfarre – als solche wurde sie 1924 ratifiziert - ist sie ein kirchenrechtliches Unikat, Teil der Diözese Bozen-Brixen. Nicht nur: Die Pfarre ist durch ihr grenzüberschreitendes Einzugsgebiet ein europaweites Kuriosum.

Sie verbindet Weiler auf der österreichischen Seite (Fennberg, Griesberg und Kerschbaum) mit Talschaften auf italienischer Seite. Und damit verbindet sich auch ihre Bevölkerung, Menschen unterschiedlicher Sprache, Kultur und Nationalität. Die politische Grenzziehung vermochte es nicht, Einfluss auf das Pfarrleben zu gewinnen. Die genannten Fraktionen der österreichischen Gemeinde Gries am Brenner gehören heute noch zur Pfarre Brenner.
Freilich, die Grenze hat Spuren hinterlassen, architektonische genauso wie solche im Kopf. Doch gerade am intensiven Pfarrleben erkennt man, dass das Verbindende über die künstlichen Trennungen siegt. Beispiele dafür sind der internationale und mehrsprachige Kindergarten, der grenzüberschreitende Seniorenclub, der rührige Freizeitverein der Eisenbahner und des CAI.

Die bewegte Geschichte hat auch im Pfarralltag ihren Niederschlag gefunden.
Hugo Senoner, legendärer Grenzparrer der 90er Jahre, sorgte für Schlagzeilen durch seine Bemühungen, Barrieren abzuschaffen an einem symbolstarken Ort.
In einer turbulenten Zeit setzte der Flüchtlingspfarrer Hugo Senoner klare Akzente, indem er aufzeigte, wie man eine Grenze durchlöchert.
Den Anfang machte dabei seine grenzüberschreitende Fronleichnamsprozession. Sie rief weltweites Echo hervor, weil es ihr gelang, Leute aus ganz Europa auf den Brenner zu bringen und zu einer friedlichen Demonstration gegen Trennungsbestrebungen zu werden.

2O-Ton: „Die Grenze ist nicht etwas Absolutes...verbinden kann... Fronleichnamprozession... Leute aus ganz Europa... Menschen für dieses Zeichen gekommen sind.„ 0‘00-0‘17 Senoner

Auf Senoners Initiative hin kam es auch zu Religionentreffen: Bis zu 11 Religionen trafen sich am Brenner, um ein ökumenisches Gebet anzustimmen, jeder in der eigenen Sprache. Ein rühriger grenzüberschreitender Seniorenclub (seit 1991) und ein internationaler mehrsprachiger Kindergarten (seit 1993/94) entstanden in kürzester Zeit. Die Grenze wandelte sich vom Symbol der Teilung zum Symbol der Vereinigung. Doch die Widersacher fehlten nicht. Für gar einige war ein gemischtsprachiger Kindergarten am Brenner, mit Kindern aus Italien und aus Österreich, schlichtweg ein Skandal. Die Anfeindungen kamen sowohl von politischer als auch von klerikaler Seite. Das weiß auch Gianfranco Cornella, der in den 80er und 90er Jahren für den Kindergarten Brenner verantwortlich war. Doch die gute Zusammenarbeit mit dem Kindergarten Gries am Brenner, der Erfolg des didaktischen Modells und die Verflechtungen im Alltag gaben Senoner Recht. Und es gab auch Unterstützung von Seiten der lokalen Bevölkerung, indem man notariell beglaubigte Patenschaften für die österreichischen Kinder übernahm (dichiarazioni di affido), die diesen den Kindergartenbesuch hinter der Grenze ermöglichten. Das Modell des internationalen Kindergartens sollte auch auf die Schule übertragen werden, aber dazu kam es nicht mehr. Das Thema wurde zum politischen Zankapfel.
Nicht von ungefähr fand der Tag der Offenen Tür (im Foto Teil des Seniorenclubs Brenner) im Pfarrhaus/Hospiz statt - unbürokratische Anlaufadresse auch in Zeiten der Nationalstaaten und tragischer Menschenschmuggel-Aktionen. Das Suppen-Buffet zu Mittag auf dem Platz vor der Kirche zeugte von dieser Idee der Offenheit und des Entgegenkommens.
Durch den Grenzcharakter ist die Pfarrkirche „Maria am Wege“ eine Wallfahrtskirche geworden, wenn auch inoffiziell. Viele Busgesellschaften und Gruppen zieht es auf ihrer Durchreise dorthin.

Die Pfarre Brenner umfasst seit 1997 auch die Dorfgemeinschaften Gossensass und Pflersch. Heute betreut Pfarrer Georg Martin diese Pfarre, ihm zu Seite steht der italienischsprachige Kooperator von Sterzing. Die Gemeinschaft ist kompakt, das Vereinsleben außerordentlich aktiv: Auf 300 Einwohner kommen zwei Chöre und zwei Vereine, der CAI und der Freizeitverein der Eisenbahner, ein Kindergarten und ein viel besuchter Treffpunkt mit Bar gegenüber der Kirche, der Dopolavoro Ferroviario – Dorf-Mitte, Angelplatz und Raum aller Besprechungen, geselligen Runden und Geschäfte. Hier treffen sich Männer genauso wie Frauen und Jugendliche. Wer Lust auf ein Gespräch hat, geht einfach hin.
Seit 12 Jahren ist der Lokalhistoriker und Heimatkundler Günther Ennemoser auch Gemeindechronist von Brenner-Gossensass (im Bil/Mitte bei der Kirchenführung). Er kennt die Details der Pfarrchronik: die Bau- und Kunstgeschichte der St. Valentins-Kirche (siehe Kapitel zur Geschichte des Brenners), die bis 1962 Pfarrkirche war und später abgelöst wurde von der größeren modernen Pfarrkirche „Maria am Wege“. Noch heute beherbergt der Grund neben dem Kirchlein zum Hl. Valentin von Rätien (Patron der Pässe und Übergänge; findet sich auch am Reschenpass und bei Trens) den Friedhof, jenen der italienischen wie der österreichischen Pfarrmitglieder am Brenner.
Die letzte Pfarrmesse in der alten St. Valentin-Kirche fand am 7. Oktober 1962 statt. Damals platzte das Kirchlein aufgrund der Bevölkerungsexplosion am Brenner aus allen Nähten. Die Bauzeit der neuen Kirche hatte sich verzögert, weil man auf sumpfige Bodenbeschaffenheit stieß. Da erinnerte man sich an die Tatsache, dass der Brenner früher drei Seen hatte, von denen heute nur mehr der auf österreichischen Seite existiert. 1983 wurde zum letzten Mal Hand angelegt am St. Valentin Kirchlein durch eine aufwendige Restaurierung unter Pfarrer Alois Trenkwalder. Messen werden hier nur mehr zu besonderen Anlässen gelesen. Zum Beispiel am Patroziniumstag, der am Brenner den Kirchenkalender völlig missachtet, weil er am 14. Februar gefeiert wird (Valentin von Terni, der Heilige der Liebenden) und nicht am eigentlichen Termin, am 7. Jänner (Valentin von Rätien, ca. 400 n. Chr.).

Grenzerfahrungen

Grenzerfahrungen am Beispiel der bosnischen Familie Durakovich

Für Medienwirbel sorgte auch die Flüchtlingshilfe des Pfarrers Hugo Senoner während der Kriegswirren in Kroatien, Bosnien und im Kosovo. Er wurde zwischen 1990 und 1997, seiner Amtszeit am Brenner, zur inoffiziellen Anlaufstelle für humanitäre Hilfe, da er durch die vielen Kontakte mit der Grenzpolizei und den am Brenner stationierten Militäreinheiten etwas mehr Handlungsspielraum hatte und so Verwaltungshürden beseitigen half. Wie vielen er geholfen hat, wollte und will er nicht sagen. Hetzkampagnen und Zerwürfnisse blieben ihm nicht erspart.

Am Brenner, dem niedrigsten Übergang der Alpen und der „heißesten Grenze Europas“, haben nicht nur Handel floriert und Zolleinnahmen die Kassen gefüllt. Menschliche Schicksale haben hier ihren Wendepunkt erfahren: einzelner, von Familien, aber auch ganzer Generationen. Ein Beispiel davon ist die bosnische Familie Durakovic (im Bild links mit Pfarrer Hugo Senoner), die 1992 den Brenner vorerst als Endstation (im Bild der Bahnhof) kennen lernte.

O-Ton: „Da war die Grenze... aussteigen... niemanden gehabt... 13 Tage. „ 0‘40-1‘10 Isetta Durakovic
Ihre 13-tägige Odyssee am Brenner erzählt Isetta Durakovich nach elf Jahren noch immer mit zittriger Stimme. Sie teilte dabei die tragischen Grenzerlebnisse im Winter 1992 mit den zwei kleinen Töchtern Adissa, 10 und Shemsa, 8. Damals befanden sich die drei auf der Reise nach Deutschland, um dort ihren bereits vorher geflüchteten Mann und Vater wiederzufinden. Das Ziel: die Zusammenführung der Familie.
Zuerst war Isetta mit den Kindern geflohen, in den Norden Bosniens zu ihrer Mutter. Das war im Frühling 1992. Als der Krieg auch diese Region erfasste, zogen sie weiter und kamen auf einem Konvoi des Roten Kreuzes mit 1200 anderen bosnischen Flüchtlingen nach Italien, alles Frauen mit ihren Kindern. Die Männer durften das Land nicht verlassen. Semso gelang die Flucht ohne Pass glücklicherweise dennoch: Er ergriff die erste Gelegenheit und landete in München, wo er gleich eine Anstellung fand. Die telefonischen Kontakte waren schwierig und nur über Mittelspersonen möglich. Als Isetta im Flüchtlings-Auffanglager von Jesolo Lido erfuhr, dass ihr Mann in München war, packte sie erneut die Koffer und fuhr mit dem Zug los. Da sie sowohl für sich als auch für die Kinder Pässe mit hatte, war sie nicht vorbereitet auf Grenzschwierigkeiten am Brenner, schon gar nicht auf den Zwangsstopp.

O-Ton: „Zuerst sind wir einfach auf dem Bahnhof geblieben, wo wir aus dem Zug rausgeschmissen worden sind...nur ein paar Brote in der Tasche u. etwas Milch... Bank zum Schlafen... Erwachsene nix schlafen, nicht erfroren haben.“ 11‘29-12’07 Isetta Durakovich
Eindringlich schildert sie, wie sich im Winter im Bahnhof Flüchtlingsdramen abspielten: Kleinkinder am Boden, Schlafen im Turnus auf der Holzbank im winzigen beheizten Warteraum, inadäquate Kleidung, kein Geld für Lebensmittel und vor allem das Nicht Wissen Wohin und Wie weiter. Auch bei ihnen kam die Hilfe von Grenzpfarrer Senoner, der sie buchstäblich auflesen musste vom Bahnhof Brenner. Im Hotel Post fanden sie vorläufigen Unterschlupf. Gegen Weihnachten appellierte der Pfarrer an die Bevölkerung und an die Sicherheitskräfte mit dem Schlagwort „Brenner wie Bethlehem“ und fand Möglichkeiten zu helfen. Zuerst galt es, über die Grenze zu kommen, die nötigen Papiere und etwas Geld für die Weiterreise zu beschaffen und dann Unterstützung zu finden, um in München Ehemann Durakovich ausfindig zu machen und eine Bleibe für die Familie zu finden. Für die Familie Durakovich wie für andere gelang das Wunder. Mittlerweile haben die vier in München eine zweite Heimat gefunden.
Vor dem Krieg war die Familie beruflich und wirtschaftlich gut situiert, Semso war Ingenieur, Isetta Universitätsprofessorin an der Wirtschaftsfakultät in Sarajewo. Nun arbeitet Semso in München in einer Tischlerwerkstatt und Isetta als Köchin, im Kloster, in dem die Familie seit 10 Jahren in einer eigenen Wohnung lebt.

Sie konnten sich mit dem bisher Erarbeiteten und –ersparten in ihrer alten bosnischen Heimat sogar ein Zuhause schaffen, ein zweites Standbein. Brenner war für sie letztlich der Neuanfang ihrer Existenz.
Bildtext: Hilfsaktionen gelangen oft auch durch die Reaktionen der Medien und die wachsende Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Das Filmdokument von Sandra Bortolin – Rai Bozen (im Bild links bei der Vorstellung) zeugt davon.

Von der Grenze im Kopf

Von der Grenze im Kopf


Markante Brenner Persönlichkeiten wie Rudi Plank, ex-Eisenbahnerchef, Ferdinand Plattner, pensionierter Gemeindeangestellter und die Messnerin Waltraud Steger Joppi zeichnen jenes kleinmaschige Netz nach, das für die Alltagskultur am Grenzort so typisch ist.
Wenn Rudi Plank über die jüngsten Entwicklungen rund um den Schlagbaum nachdenkt, dann äußert er seine Überzeugung, dass die Grenze trotz Schengen (hier der marmorne Grenzstein von 1921) zum Teil noch vorhanden ist. Der Grenzort hat sich nur oberflächlich gewandelt, wirtschaftlich durch den Wegfall der Kontrollen und durch den gigantischen Abbau des Personals und später durch den Wegfall des Geldwechsels.

O-Ton: „Die Grenze ist jetzt Gottseidank weg...aber irgendwo... immer noch...Geschäftsort, relativ gut arbeiten. Grenzort ist’s obm no geblieben, Brenner.„ 0‘00-42 Plank
Auch Ferdinand Plattner, ein eingefleischter Brenner-Kenner (im Bild mit Rudi Plank), wundert sich über die Eigenart seines Heimatortes, mit der Grenze zu leben. Keine 5 km sind es bis zum nächsten österreichischen Dorf, Gries am Brenner. Und trotzdem: Die engen Kontakte sind fast nur zu den österreichischen PfarrgemeidemitgliederInnen und MessebesucherInnen da, ansonsten orientiert man sich am Brenner nach wie vor an Südtirol, auch sprachlich. Die dialektalen Unterschiede zwischen Brennerern südlich und nördlich der Grenze sind vor allem in Aussprache und Vokabular seit 1918 deutlich geworden, und machen die Grenze auch heute noch hörbar.
Der heutige Rentner Plattner gehört zum harten Kern der Brennerer, jener Leute, die ein historisches Gedächtnis haben und sich zum „Grenzvelkl“ rechnen. Dieses zeigt sich seiner Ansicht nach durch die größere Toleranz gegenüber dem „Anderen“ und „Fremden“ und durch die ausgeprägte Kontaktfreudigkeit, die es Pfarrer Hugo Senoner in seiner „Mission“ leichter machten. Ungeachtet dessen wurde die Grenze für Senoner von 1990 bis 1997 jeden Tag deutlicher zum unüberwindbaren Problem. Seine Flüchtlingshilfe wurde von institutioneller Seite ungern gesehen. Als er zu merken begann, abgehört und als Schwarzes Schaf betrachtet zu werden, entschloss er sich, den Brenner zu verlassen.

Auch der Künstler Peter Kaser ist jemand, der sich mit Grenze/n beschäftigt. Er ist Promotor einiger künstlerischer Aktionen am Brenner, u.a. auch des Bunker-Projektes „84 Treppen“. Seiner Meinung nach gehört gerade die Grenze, auch als schmerzliche historische Erfahrung, zum Charakter des Brenners, und ist als solche beizubehalten. Er will daran erinnert werden, was der Brenner alles war. Sein Plädoyer gilt einer feinfühligen Neunutzung der alten Gebäude und Grenzsymbole am Brenner.

Ganz personlich

Brenner, ganz persönlich


Erinnerungen an den Brenner, Assoziationen und Gefühlsstimmungen sind überlagert vom Gedanken an die Grenze und an rauhe klimatische Verhältnisse. Wer den Brenner nur von der Durchfahrt kennt oder sich zu einem kurzen Zwischenstopp entschließt, lernt den Brenner nur von seiner oberflächlichen, auf erstem Blick eher unwirtlichen Seite kennen: Die durchdringende Kälte, der Brenner Wind, der viele Schnee (nicht selten auch im Sommer) und die trostlos leerstehenden Häuser machen den Durchreisenden blind für die Faszination Brenner.

O-Ton-Track: „Der sich net auskennt, Verlorener am Brenner... Kälte und Wind... nur mehr die Wölfe gefehlt.„ 1‘36-49 Steger
Waltraud Steger Joppi, die Messnerin vom Brenner (im Bild mit Rudi Plank), ist als junge Frau 1968 zufällig auf den Brenner gekommen, mit einer Freundin zu Besuch. Es waren die fetten Brenner-Jahre: Arbeit im Gastgewerbe und Handel gab es zuhauf, und wer blieb, brauchte sich nicht um die wirtschaftliche Existenz zu sorgen. Sie blieb, nicht zuletzt, weil sie ihren Mann kennenlernte, der als Barist am Brenner tätig war. So ist der Brenner für sie Heimat geworden, trotz ihrer Ahrntaler Wurzeln. Doch zurück erinnern kann sie sich schon, an ihren ersten recht ungemütlichen Eindruck der Wetterscheide Brenner. Für sie überwiegen heute dennoch die Vorteile: die gute Anbindung ans Verkehrsnetz, der Zusammenhalt der Gemeinschaft, die Pfarre, die guten Arbeitsmöglichkeiten.
Rudi Plank ist die Personifizierung eines Eisenbahnerlebens: 35 Jahre Leben am Brenner. Auch er hat 1968 in der Gegend Wurzeln gefasst. Der Präsident des Eisenbahnervereins ist heute Rentner, verbringt aber immer noch täglich mehr Zeit am Brenner als in seinem Wohnort Pflersch ganz in der Nähe. Als Eisenbahner war er mit der Grenzbehörde sozusagen an forderster Front, und so ist er in den letzten Jahren mit etlichen AusländerInnen-Schicksalen konfrontiert worden. Seine gutmütige Art hat es ihm leicht gemacht, zu helfen, wo er glaubte, dass dies angebracht sei. Aber er habe auch zahlreiche Illegale gesehen, Kriminelle und Menschenschmuggler. Die alten Schleichwege in der Höhe bergen heute noch das eine oder andere Opfer eines kalten Winters oder unvorsichtiger Grenzgänger-Fluchten. Auch dies sei der Brenner.
Im Bild das Suppen-Buffet während der Veranstaltung am 4. Oktober.


Ferdinand Plattner, ist eine der wenigen Brenner Persönlichkeiten, die hier geboren und aufgewachsen sind. Als Gemeindearbeiter wurde er schnell zum Faktotum des Brenners. Heute wohnt er in Gossensass, ist Pensionist und hilft noch da und dort mit, wo es ihn braucht. Niemand kennt wie er jeden Winkel der Passhöhe und jeden Bewohner. Seine früheste Erinnerung der Grenze sind verwebt mit dem Schulbesuch: 1943-1944 besuchten die etwa 30 Brennerer Kinder eine österreichische Schule hinter der Grenze. Erst später wechselten sie in die Schule in der Nähe des Brennerbads. Die Grenze war für ihn eine Last durch die endlosen, zum Teil sogar äußerst strengen Kontrollen mehrmals am Tag. Der Alltag spielte sich für die ländliche Gemeinde doch nach wie vor dies- und jenseits der Grenze ab.

O-Ton: „Mir hobn auf der österr. Seite an Gortn kopp... Salat holen, Ausweis gebraucht... streng... dass man drüber gederft hot.„ 2‘04-22 Mitschnitt2 Plattner

Die krassesten Beispiele waren Begräbnisse bzw. der Transport der Toten zum Friedhof. Auch zu diesen Anlässen wurde der Ausweis verlangt. Darum war Schengen für ihn eine Erlösung, genauso wie es eine Erlösung war, als der Schwerverkehr ab 1971 nicht mehr durchs Dorf geschleust, sondern auf die Autobahn gelenkt wurde. Kritisch wiederum sieht er die jahrzehntelange Gewohnheit der Brenner Kaufleute, das erwirtschaftete Geld anderswo zu investieren, ob in Wohnungen oder Betrieben. Dies sei mit ein Grund für den Verfall des Dorfes.

O-Ton: „Gonz wenige tian do am Brenner wohnen, abgesetzt, wo schöner und Klima besser... Geschäft gemacht und dann sagt man Buonasera.„ 0‘28-41 Mitschnitt2 Plattner
Erinnerungen an historische Großereignisse am Brenner sind jene von Illuminata Dalla Santa, einer alten Dame, die schon über 60 Jahre am Brenner wohnt. Sie beobachtete ganz aus der Nähe das Treffen Hitler-Mussolini von 1940 am Bahnhof Brenner, auf Gleis sieben. Der rote Teppich und die enormen Blumentöpfe hatten das Kind schwer beeindruckt.

Aus dem Film: „Mi chiamo Dalla Santa Illuminata... il Brennero importante ... „ 0‘02-0’55 Mitschnitt1
Anders bei Melitta Mayr von Gries am Brenner. Die Seniorin, Jahrgang 1928, erzählt gern vom geselligen Pfarrleben, von ihrer Jugend am Brenner, einer Zeit schelmischer Streiche und erster Liebschaften rund um Wachposten und Grenzhäuschen. Die Grenze hat sie schon als Kind fasziniert. Und Kleinigkeiten geschmuggelt habe sie auch, regelmäßig, das gehörte für Brenner Bewohner zum Alltag.
Für Günther Ennemoser, Gemeindechronist und Gossensasser Wahlbürger, ist der Brenner ein wesentlicher Ort der Geschichte, ein lebendes Museumsstück, aber auch eine im Wandel begriffene Raststätte entlang der europäischen Nord-Süd-Transitroute. Eingeleitet durch Schengen-Abkommen und die Einführung des Euros wurde das Dorf geradezu über Nacht gezwungen sich umzustellen. Die ersehnte neue Identität steht noch aus. Zur Zeit findet er den Brenner nicht besonders einladend in Hinblick auf touristische Einnahmen.

Geisterdorfes

Weg vom Image des Geisterdorfes


War der Brenner vor 1918 Ort der Rast und Einkehr bzw. des Durchzugs an der wichtigsten Transitstrecke Europas, zeigt sich der Pass heute als vom Aussterben bedrohtes, nachtsüber beinahe leer gefegtes Dorf. Die Bewacher des Sicherheitsbunkers einer zentralen Grenzstation – Grenz- und Finanzpolizei, Gendarmerie, Zollbeamte und zahlreiche Eisenbahnbedienstete - sind mit dem Inkrafttreten des Schengen Abkommens 1998 abkommandiert worden. Allein bei der Eisenbahn spricht der Personalabbau zahlenmäßig Bände: Die ehemals 270 wurden zu heutigen 80 Arbeitsplätzen. Der Brenner, jahrzehntelang Menschenschleuse und Hochsicherheitsquartier, hat – so munkeln die Pessimisten – nun den Charakter einer Endstation, eines Abbruchlagers und Geisterdorfes erhalten.

Dabei hat der Brenner im Lauf der letzten 80 Jahre dramatische Geschichte geschrieben: die neue Grenze 1918, die faschistische Hochburg in den 30er Jahren, die Polizeifestung in den 60er Jahren. Seit 1998 ist es um die ehemals heißeste Grenze Europas still geworden, das Dorf schrumpft. Seine Einwohner, die Zurückgebliebenen, stecken in einer Identitätskrise.
In den 70er und 80er Jahren war der Brenner noch ein bevölkerter, pulsierenden Grenzort mit ca. 1500 Einwohner, einem 5 Seiten langen Eintrag im Telefonbuch, fünf Schulen und einem Kindergarten. Heute präsentiert sich der Brenner als 300 Seelen Dorf ohne Schule. Eine Seite im Telefonbuch reicht aus, um sich darzustellen. Die wenigen Kinder müssen nach dem Kindergartenbesuch am Brenner nach Gossensass und Freienfeld ausweichen, um die Pflichtschulen zu besuchen, nach Sterzing zur Oberschule. Ein Großteil der Ansässigen ist über 70 Jahre alt. Einige Familien von Nicht-EU-Bürgern bilden die neue Generation.
Der Kindergarten funktioniert noch, seit 1992/93 als internationales „Experiment“ mit heute an die 12 Kinder, teils mit österreichischem, teils mit italienischem Ausweis. Im Lauf der letzten 10 Jahre haben gar einige Matreier und Innsbrucker Kinder auf diese unkonventionelle Art Italienisch gelernt. Die Infrastruktur am Brenner wurde 1928 gegründet. Das Istituto Luce (Kopie in Bozen) besitzt ein kurioses Filmdokument vom offiziellen Besuch der Gräfin d’Aosta anlässlich der ersten Steinlegung.

Die Grenze als „wirtschaftlicher Segen“ ist abhanden gekommen. Aber vieles spricht für eine Wiederbelebung des Brenners: seine optimale Verkehrsanbindung durch Autobahn, Staatsstraße, Eisenbahn und Autobus, sein immer noch florierender Handel, sein Wesen als Rastplatz, sein Charakter einer regen soziale Verbindungsstätte, sein interkultureller Flair.
Seit Jahren wird über Abriss oder Sanierung der vorhandenen Kubatur geredet. Wo einige über das Barackenlager schimpfen, sehen andere schützenswerte Denkmäler. Die Brennerer interessiert das Überleben des gesamten Großraums. Und dies könnte durch eine attraktive und innovative Neunutzung des architektonisch wertvollen Kernensembles am Brenner geschehen. Das Kuratorium für technische Kulturgüter macht sich für ein Projekt stark, das einerseits das Alte schützt und damit den interessanten Grenzort-Charakterzug beibehält und andererseits mit neuem Leben beseelt. Mit der interreg-Initiative „Technikkulturmeile Nord-Süd“ soll der Spagat gelingen, technisches Kulturgut als geschichtliches Erbe zu dokumentieren, es in einen zeitkritischen Kontext zu stellen und eine Neunutzung des Areals anzuregen.

O-Ton-Track3: „Wir haben ein Projekt... Technikkulturmeile Nord-Süd... Kulturell... techn. Kulturgut... dokumentieren, zeitkritischen Kontext, Initiativen... Neunutzung dieses Ensembles anregen.„ 0‘52-1‘37 Wittfrieda M.
Am 4. Oktober wurde auch über Lösungen für den Erhalt des Brenner-Flairs nachgedacht, über neue wirtschaftliche Möglichkeiten im Sinne der Nachhaltigkeit. Was kann den Brenner vor der Gefahr „Entsiedelung“ retten? Zwei Szenarien kamen neben einer Verkehrsberuhigung im Dorfkern zur Sprache, beide untergebracht in der bereits bestehenden und sehenswürdigen historischen Bausubstanz: der Vorschlag einer kostengünstigen Beherbergung von Universitätsstudenten und der Vorschlag einer feinmaschig-eleganten Outlet-Variante eines Einkaufortes. Einmal Brenner zum Wohnen, einmal Brenner zum Einkaufen. Das ehemals künstliche Grenzdorf würde zum neuen Treffpunkt werden.
Für den Tiroler Lichtkünstler Dieter Bartenbach (im Bild während seiner Brenner-Lobrede) hat der Brenner eine einzigartige Ausstrahlung und damit Potential für Kultur- und Wirtschaftschaffende. Er träumt von einer Trendwende für den gesamten Raum Innsbruck-Wipptal mit Zentrum am Brenner. Dabei scheut er keineswegs den Vergleich mit Soho in New York, Magnetpunkt für Touristen wie Einheimische.

O-Ton: „Den Fehler machen ja fast alle... Bürgersteige-Platzl-Denken... nix Vernünftiges... Brenner wie Soho in New York... magnetisiert sind... in Seen, wunderschön, Tal klein... und i glaub einfach, do brauchts andere Ideen.„ 2‘23-3‘36

Sein Tipp: Zuerst Konzepte entwickeln und Projekte entstehen lassen, dann erst die richtigen Investoren suchen und nicht umgekehrt. Nur so könne man langfristig und nachhaltig planen, Kultur mit einbeziehen über Kunst und Kreativität, die Rauheit des Klimas zum Steckenpferd machen, beispielsweise einen internationalen „Genusstempel“ am Brenner etablieren; kurzum eine Perle aus der Gegend machen, indem man deren Wesensmerkmale herausstreicht und nicht zerstört.

O-Ton: „I glab, dass da wirklich eine große Lösung... Bahn, Autobahn untertunnelt... Fußgängerzonen... Skandinavien... große tolle Leute, die da nachdenken ohne Druck.„ 5‘28-6’11 Bartenbach
Die Zukunft des Brenners bewegt. Auch der Lokalhistoriker und Heimatkundler Günther Ennemoser plädiert für eine Besinnung auf die eigentliche Funktion der Passhöhe, auf die alte Funktion des Brenners vor der Grenzziehung: „Die Pässe haben die Funktion, die Menschen zusammenzuführen und nicht zu trennen.“ Dieses grenzüberschreitendes Element müsste man seiner Meinung nach bei der Vermarktung des „neuen Brenners“ unbedingt in den Vordergrund stellen.

O-Ton: „Wenn schon keine Grenze mehr ist... Kaufleute... nicht mehr österr.-ital. ... als Brenner zu vermarkten ...wie der Brenner 80 Jahre das getan hat.„ 3‘01-‘35 Ennemoser

Allein schon die Veranstaltung am 4. Oktober hat bewiesen, dass der Brenner Menschen anzieht und sie zu begeistern vermag (im Bild das Suppenbuffet vor der neuen Pfarrkirche). Die liebenswürdige kleine österreichisch-italienische, deutsch- und italienischsprachige Gemeinschaft der Brennerer sieht sich als „porto di mare“, als Hafen, in dem jede/r willkommen ist. Und sie ist es satt, das Image eines Geisterdorfes zu verkörpern.

Zukunftsaussichten

Rettet den Brenner – Zukunftsaussichten und Projekte


Heute lebt der Brenner vom Handel an der Raststätte und von der Abwicklung des Güterverkehrs. Dies und die relativ neue Autobahnausfahrt südlich vom Brenner reichen aber nicht aus, um Menschen an den Brenner zu binden und den Ort zukunftsfähig zu machen.
Der Bürgermeister Christian Egartner sorgt sich vor allem um die kulturelle und soziale Komponente am Brenner: Die tragenden Säulen, jene Menschen, die magnetisieren, bewegen und zusammenhalten in Chor- und Vereinsleben und in der Pfarrgemeinschaft, sind zum Großteil Menschen eines gewissen Alters. Außerdem verfällt historisch und architektonisch interessante Bausubstanz zusehends, da sie ungenutzt bleibt.
Erste Schritte wurden vor kurzem gesetzt, mit einer Reihe von urbanistischen „Verschönerungsarbeiten“, die Ende 2005 abgeschlossen sein werden: die Sanierung der St. Valentinsstraße, Gehsteig- und Straßenpflasterungen, Parkplatz-Erweiterungen, die Errichtung eines neuen Vereinshauses. Finanziert werden die 2,5 Millionen € Bauarbeiten durch EU-Gelder aus dem Ziel2-Aktionsspektrum.
Weitere könnten demnächst in Angriff genommen werden mit der von Vizebürgermeister (Gries am Brenner) Helmut Gassebner vorgeschlagenen Verkehrsberuhigung im Dorfskern und der damit verbundenen Schaffung eines neuen Dorfplatzes. Der Verkehr könnte östlich davon umgeleitet werden, der Platz – die neu geschaffene Mitte des Brenners auf zwei Staaten (!)- zwischen dem italienischen Zollhaus und der Polizeikaserne, könnte als Marktplatz und für Veranstaltungen genutzt werden.

O-Ton: „Wahrscheinlich wird’s aso sein... in 50 Jahre ... des amol ...wie Goldenes Dachl – Prognose wagen darf auf zwei Staaten... Veranstaltungen.“ „ 1‘21 Mitschnitt 3 Gassebner
Viele denken mit. Einige diskutierten mit, während der Podiumsdiskussion mit Stargästen am 4. Oktober. Mit dabei waren der Tiroler Landeshauptmannstellvertreter Ferdinand Eberle, SVP-Senatorin Helga Thaler-Ausserhofer, die Bürgermeister von Brenner, Christian Egartner, Gries am Brenner Helmut Gassebner und Franzensfeste Hans Wild (im Bild mit Mikrofon), der Tiroler Lichtkünstler Dieter Bartenbach.
Die Suche nach zündenden Ideen für eine wirtschaftlich rentable und politisch vertretbare, auf Konsens bauende Lösung hat erst begonnen. Ansatzweise wurden Vorschläge angedacht, die allerdings in einer fachkompetenten Runde vertieft werden sollen: vor allem Studentengarconieren in dem verkehrsmässig optimal angebundenen Dorf und ein Handelsplatz als Outlet-Variante.
Der Tiroler Landeshauptmannstellvertreter Ferdinand Eberle erinnerte daran, dass die Attraktivität des Brenners vor der Grenzziehung 1918 aus der Kombination Passhöhe und Kurort erwuchs und dass es nun gelte, mittels einer professionellen Analyse zu ermitteln, welche Faktoren für den heutigen Brenner zukunftsweisend seien, ob Wirtschaften oder Wohnen. Jede formulierte Idee, jedes ausgetüftelte Projekt müsse auf die Konsensfähigkeit und die politische Machbarkeit hin evaluiert werden, und zwar auf Gemeindeebene genauso wie auf Länderebene (Provinz Südtirol und Land Tirol).

O-Ton: „Es muss uns allen klar sein: Wenn wir hier eine dörfliche Struktur erhalten wollen... entw. Zum Wirtschaften oder zum Wohnen interessant sein... attraktiv?„ 3‘06-47 Mitschnitt 3 Eberle

Der Mut zum raschen Handeln dürfe aber nicht abhanden kommen, denn sollte keine Entscheidung in absehbarer Zeit gefällt werden, sei der Brenner laut Eberle nicht mehr zu retten.

O-Ton: „Wenn wir keine Entscheidung treffen, zugunsten keiner Projekte... Entsiedelung.„ 6‘16-24 Mitschnitt 3 Eberle
Der Vorschlag von Hans Wild (im Bild ganz rechts), Bürgermeister von Franzensfeste, wurde heftig debattiert. Er stellt sich eine feingliedrige Outlet-Variante (Markenware der vorhergehenden Saison oder solche mit kleinen Fehlern zu einem stark reduzierten Preis) eines Einkaufortes vor, untergebracht in der bereits bestehenden historischen Bausubstanz am Pass. Eine derartige Lösung würde einerseits die Attraktivität des Orts steigern, andererseits die architektonischen Gegebenheiten in ein neues Licht rücken.
Wild verglich Brenner mit Franzensfeste, einem Dorf mit ähnlicher Entwicklung: Seit Österreich 1993 zur EU kam wurden Arbeitsplätze radikal wegrationalisiert, von 315 auf heutige 40 bei der Eisenbahn zum Beispiel. Die schlagartige Folge war die wirtschaftliche Katastrophe für alle Speditionsfirmen, für Zoll und Bahn. Auch hier gibt es seitdem Überlegungen, wie man die Attraktivität des Orts steigern kann. Seine Brenner-Hoffnungen würde er auf den Flair des Grenzmarktes setzen, denn der habe schließlich den Brenner zu dem gemacht, was er heute ist.

O-Ton: „Früher...hierher, erster gscheiter Kaffee, Mortadella, Kleidung... österr. Schokolade, Bananen usw. ... dazu Geldwechsel... Brenner zu dem gemacht, was es geworden, gewesen ist. „ 3‘24-4’00 Mitschnitt 3 Wild
Die Senatorin Helga Thaler Ausserhofer sprach sich dafür aus, dass konsensfähige Lösungsansätze und Ideen von der Bevölkerung kommen sollten. Dabei äußerte sie ganz klar ihre Bereitschaft, mit der Staatsverwaltung in Rom zu verhandeln, um die leer stehenden Gebäude am Brenner sinnvoll nützen zu können.

O-Ton: „Es sollen die Ideen der Bevölkerung kommen, was man mit diesen Gebäuden macht... Bereitschaft von Dämanialverwaltung auf ital. Seite ist da, mit Gemeinde... diese Gebäude einer Nutzung zuzufuehren.... zu sprechen.„ 1‘19-1‘56 Mitschnitt 3 Thaler-Ausserhofer

Thaler Ausserhofer wünschte sich eine politische Diskussion über den Erhalt von historisch gewachsenen Dörfern und über möglichst umweltgerechte Lösungen. Sie war angetan von der Idee einer Unterkunftsstätte für Studenten. Der Wohnort Brenner ist ein Ansatz, der ihrer Meinung nach unbedingt weiterentwickelt werden sollte. Die Faszination Brenner, das Aushängeschild der Gegend, sei schließlich gerade ein Produkt der architektonischen Bauten, der Grenzlandschaft und des unwiderstehlichen Nord-Süd-Verbindungscharakters.

Herzensanliegen

Brenner, ein Herzensanliegen des Kuratoriums


Der Brenner ist eine, wenn nicht DIE zentrale, Drehscheibe auf der Nord-Süd-Verbindungs- und Transitstrecke und gehört damit zum interregIII-Projekt „Technikkulturmeile Nord-Süd“ des Kuratoriums für technische Kulturgüter, das sich für die Erhaltung, Sanierung und Neunutzung von Orten, Ensembles und Objekten längs der Fahrradtrasse Innsbruck-Trient einsetzt.
 Die Zusammenschau Nord-Süd wird durch die enge Zusammenarbeit des Kuratoriums mit der Tiroler Wasserkraft AG und der Universität Innsbruck, Institut für Kunstgeschichte, ermöglicht. Das Kuratorium exponiert sich zwar mit Initiativen am Brenner, um die Diskussion um die Zukunft des Orts anzuregen, kann und will aber nicht eine Strukturentwicklung selbst vorantreiben, sondern ist überzeugt, dass die Impulse weitgehend von innen her, von der interessierten Bevölkerung kommen müssen.

O-Ton: „Das Kuratorium ist ja kein Aktionskomitee... nicht Strukturentwicklung, von innen her Entfaltung... sich mit Leben füllt.„ 0‘52-1’11 Mitschnitt1
Um welche Gebäude geht es nun? Was ist erhaltenswert? Mit Sicherheit das ex-ACI-Haus (Automobilclub) und das italienische und österreichische Zollhaus (im Bild rechts). Das Kuratorium plant in nächster Zeit in Zusammenarbeit mit der Uni Innsbruck ein Bautenglossar herauszugeben, das eine Erhebung des historischen Bestands am Brenner und zugleich neue Diskussionsgrundlage sein will.

Im Bild oben das alte Zollabfertigungsareal mit dem italienischen Zollhaus im Vordergrund, links Details des ex-ACI-Hauses außen, unten recht Details innen und unten links typische Brenner Wohnhäuser.

Kulturpolitische Veranstaltungen wie jene im August 2002 und am 4. Oktober 2003 sind Aufmerksamkeitsmacher und Ideenschmiede für die Entwicklung von Visionen. Im Bild unten Wittfrieda Mitterer mit Hans Wild und Helga Thaler Ausserhofer. Für das Kuratorium stehen die wertvollen historischen und architektonischen Eigenarten des Grenzorts, sein Potential als Verbindungsknoten zwischen Nord- und Südtirol, zwischen italienisch- und deutschsprachigem Raum im Vordergrund.

O-Ton: „Vor allen Dingen ist es dem Kuratorium ein Anliegen, ... architekt. Kernensemble zu erhalten, entsprechend in ein globales Neunutzungsprojekt zu integrieren... einerlei, wichtig ist, feinmaschige Struktur und interess. Alltagsleben... mit neuer Lymphe beseelt wird.„ 0‘43-1‘29 Mitschnitt 2 Witti

Geschichte

Brenner: ein geschichtlicher Abriss in Stichworten


960-1530: Insgesamt 144 Mal überqueren deutsche Könige die Alpen auf ihrer Durchreise in den Süden, um sich vom Papst in Rom als Kaiser legitimieren zu lassen, davon wählen 66 die Route über den Brennerpass.

Der Brenner ist der niedrigste Alpenübergang vom europäischen Norden in den europäischen Süden. Überquerungen sind seit der Bronzezeit dokumentiert, zuerst über einen höher gelegenen Saumpfad. Als die Römer 15 v. Chr. ins Land kommen, sanieren sie als exzellente Straßenbauer das vorgefundene Sumpfgebiet und bauen die erste Straße. Ab 200 n. Chr. ist die neue Heeresstraße über den Brenner Teil der via Claudia Augusta. Auf der alten Römerstraße wird eine Holzkapelle gebaut, die bereits im 6. Jahrhundert genannt wird.
Idylle am Brenner: die St. Valentinskirche längs der alten Brenner-Pass-Strasse vor 1919. Sie wurde erstmals 565 vom römischen Reiseschriftsteller Venantius Fortunatus erwähnt. Ursprünglich war sie eine romanische Kapelle, im Mittelalter wurde sie zur gotischen Kirche ausgebaut und später leicht barockisiert. (Bildnachweis: Privatarchiv G.Ennemoser)
Um 1000 kommt es am Brenner zu einer Dauersiedlung. 1221 hieß die Siedlung noch „Oberes Mittewald“. 1288 ist die Urkunde mit der ersten Brenner-Bezeichnung datiert.
Die Passstraße wird bald zur Lebensader, spätestens seit den Kreuzzügen und seit dem blühenden Handel im Mittelalter. Die Grafen von Tirol wissen dies auszunützen und errichten hier eine Zollstation für den Warentransit.
1867 wird die Brenner-Eisenbahn fertiggestellt, nach nur 4-jährer Bauzeit und mit 20.000 Arbeitern auf der Strecke. Die Bahn läutet eine neue Epoche ein, das altes Transportgewerbe verschwindet.
Das nächste wichtige Datum für den Brenner : 1918 – die Grenzziehung (im Bild oben das alte Zollabfertigungshäuschen mit Schindeldach).
Die Einweihung des Grenzsteins am Brenner im Beisein von König Viktor Emanuel III 1921. Auf dem Grenzstein ist zu lesen: „Ich trenne die Wasser und vereine die Völker“ (Bildnachweis: Privatarchiv G.Ennemoser)
Kurioses aus der Brenner-Geschichte:
Die Wasserscheide Eisack-Sill: Ein altes Bild vom Brenner aus dem Jahr 1868, ein Jahr nach der Fertigstellung der Eisenbahn, zeigt die Wasserscheide am Dach des ehemaligen Hotel Post. Das nach Süden abfließende Wasser fließt ins Adriatische Meer (über Eisack und Etsch), das nach Norden abfließende Wasser ins Schwarze Meer (über Sill und Inn).

O-Ton: „Ein altes Bild vom Brenner... 1868 Bahnhof, ein Jahr nach der Bahn... Wasserscheide am Dach vom Hotel Post... Norden Schwarzes Meer, Süden... Adriatisches Meer... mit dem Eisack und mit der Etsch.„ 2‘16-2‘53 Ennemoser bei Kirchenführung

Nach starken Regenfällen ist der Eisackfall zum ersten Mal Mitte der 50er Jahre übergeflossen, hat einen See gebildet und den darunter liegenden Friedhof verwüstet. Die Wassermengen haben dabei einige Särge weggeschwemmt und zwar nördlich des Brenners: Zum ersten Mal ist der Eisack damit in den Inn geflossen. Damals witzelte man, dass Flüsse ihre Zielnation trotz Grenze ändern können.
Die „Mutter zum Guten Rat“: eine kleine Kapelle entlang der St. Valentinsstraße. Bis zum Faschismus war sie ein einfaches Bildstöckl am Wegrand. Dann wurde dort eine Empore errichtet, um für den König (1932-33) und später für Mussolini ein geeignetes Rednerpult zu schaffen. Das am Brenner stationierte Heer (in den 30er Jahren an die 5000 Alpini) war nämlich von strategischer Bedeutung. Später blieb die Kapelle 50 Jahre lang geschlossen. Bei Aufräumarbeiten von wenigen Jahren kamen Relikte aus dem 2. Weltkrieg zum Tageslicht, u.a. eine amerikanische Tragbahre. Für viele war die Kapelle lange ein Dorn im Auge. Grenzpfarrer Senoner renovierte sie eigenhändig und öffnete sie den Interessierten. Nachdem sie als Kapelle nirgends eingetragen war, fand er ihr den Namen, passend zur schwierigen Situation am Brenner, und ließ sie im Ordinariat als Kapelle eintragen.
Auch Goethe war hier: Goethe wählte das Hotel Post auf der österreichischen Seite des Brenners als Einkehr. Er musste jedoch noch am selben Abend mit seinem Wagen weiterfahren, da der Wirt die Pferde dringend für seinen Heuwagen brauchte. Goethe fuhr bis nach Sterzing, wollte im Hotel Krone übernachten, wurde allerdings nicht aufgenommen. So musste er – laut seinen Aufzeichnungen in der Italienischen Reise - bis nach Kollmann weiterziehen, wo er endlich ein Nachtquartier fand.

O-Ton: „Da gibt’s noch ein Hotel Post... österr. Seite... Pferde für einen Heuwagen... am Abend wegfahren... sowieso nix... gezeichnet... Kutsche gesetzt ... gegen Sterzing... neben Heine auch Goethe... Hotel Krone... haben ihn nicht aufgenommen.„ 3‘37-4’37 Ennemoser bei Führung

Grenzgänge

WENN GRENZEN AUSGEDIENT HABEN


Mit Inkraftreten des Schengen-Abkommens haben Italien und Österreich am 31. März 1998 die Grenzkontrollen am Brenner aufgehoben. Die Zollhäuser und die Polizei-Amtsräume rund um den Schlagbaum sind seitdem verwaist. Der Pass auf 1.372 Meter Seehöhe wurde mit dem Anschluss Südtirols an Italien zum Grenzübergang. Kurz vor Italiens Eintritt in den Zweiten Weltkrieg trafen sich hier die Diktatoren Hitler und Mussolini.

Seine politische Symbolkraft und auch einen Großteil seiner wirtschaftlichen Bedeutung hat der Brenner inzwischen eingebüßt. Nach Abzug der "Grenzer" lebt in der Ortschaft nur noch eine Handvoll Menschen.

Vom 30. August bis zum 01. September 2002 veranstaltete das Kuratorium für technische Kulturgüter in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Brenner Gossensass und der Gruppe "Lurx - Verein für Kunst und Kultur am Brenner" ein multimediales Kulturevent, wo Künstler, Zeitzeugen und Historiker den Brenner mit seinen Zollhäusern, seinen Polizeistationen und seinem Grenzbahnhof noch einmal aufleben ließen.
Geboten wurden Kunstaktionen, Führungen, Zeitzeugenberichte, historische Filmeinspielungen, Musik, Information und Unterhaltung.
Brenner-Staatsstraße vor dem Grenzübergang auf italienischer Seite
Brenner-Staatsstraße vor dem Grenzübergang auf italienischer Seite
copyright: Peter Kaser
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